Heute auf dem Heimweg im Wald gefunden.
Ich wünsch euch einen wunderschönen Frühling! :-)
Mittwoch, 23. März 2011
Sonntag, 20. März 2011
Lunatic at Kells
abt ihr euch gestern Nacht auch den Vollmond angesehen? Bei uns hat sich mit Beginn der Nacht zum Glück die Wolkendecke aufgelöst, so dass der Mond in seiner ganzen Pracht über einen blanken, sternenschimmernden Nachthimmel ziehen konnte. Leider hatte ich nicht ganz so viel Sinn dafür entwickeln können, weil's im Haus, eingedenk der Tatsache, dass zum Beispiel die klugen Engländer jemanden Verrücktes immer noch als "lunatic" bezeichnen, so richtig sinnlos aber laut gekracht hat. Im Nachhinein (soll heißen nach einem warmen, sonnenerfüllten Sonntag mit Büchern und Tee) denke ich, dass dies eine notwendige und wichtige Entladung gewesen war, die viele aufgestaute Frustrationen und Ängste lösen konnte, aber gestern Abend war ich natürlich ziemlich erschrocken und traurig, außerdem hasse ich schon im Vorfeld den Morgen nach solchen scherbenerfüllten Familienstreitereien. Jetzt ist aber alles wieder gut. Wir belieben uns lautstark zu streiten, das macht das Balkanblut, aber ebenso schnell verraucht die Glut auch wieder und was nach so einer waldbrandartigen Raserei übrig bleibt, lässt Raum für neues Wachstum.
Die Vegetationsmetaphern hat mir ein Film eingeimpft, den ich schon seit längerem empfehlen wollte, und zwar The Secret of Kells, die Art von Zeichentrickfilm, die man sich nach dem ersten Anschauen sofort auf die imaginäre Liste der Medien setzt, welche man später mal seinen Kindern zeigen möchte. Erzählt wird die (erfundene) Geschichte um die Entstehung des Book of Kells im 9. Jahrhundert in Irland aus der Sicht des Waisen und Novizen Brendan, dessen Onkel Cellach der Abt von Kells ist und die wahnlastige Idee hat, die Siedlung und das Kloster durch eine große Mauer vor den drohenden Wikingereinfällen zu schützen. Bald trifft ein Mönch namens Aidan in Kells ein, der vor den Wikingern von der Insel Iona nach Irland fliehen musste, und neben einer seeehr charaktervollen weißen Katze namens Pangur Bán ein unvollendetes Buch dabei hat, dessen herrliche Illustrationen, die vom berühmten Heiligen Colum Cille (besser bekannt als Saint Columban) begonnen worden sind, in der Lage sein sollen, das Böse zu besiegen und Dunkelheit in Licht zu verwandeln. Aber Aidan ist bereits zu alt um das Buch zu vollenden und spannt Brendan, der über einen wachen Verstand und viel Imaginationskraft verfügt (manchmal hat er Visionen), gegen den Willen des Onkels ein. Brendan verlässt auf Aidans Geheiß hin Kells auf der Suche nach Galläpfeln, um grüne Pigmenttinte herstellen zu können, und trifft in den unheimlichen Tiefen des Waldes auf Aisling (sprich äschling), eine Tuath de Dannan in Gestalt eines weißhaarigen Mädchens. Aisling, die manchmal die Gestalt eines weißen Wolfes annimmt, rettet Brendan nicht nur das Leben und zeigt ihm, wo er in ihrem Wald die Galläpfel finden kann, sondern warnt ihn auch vor den Menhiren und Hügelgräbern, in denen eine dunkle Entität zu Hause zu sein scheint.
Zurück in Kells lernt Brendan von Aidan die Kunst der Illumination und emanzipiert sich zunehmend von seinem dominanten und vom Mauerbau besessenen Onkel. Als die Nachricht eintrifft, dass die Wikinger in Irland auf dem Vormarsch sind und das Buch nicht fertig zu werden droht, vertraut Aidan Brendan an, dass er die feinziselierten und winzigen Illustrationen nur durch einen kaleidoskopartig vergrößernden Kristall, bekannt als "Colum Cille's third eye", ausführen konnte, der aber bei der Flucht von Iona zerstört wurde. Brendan erkennt in Aidans Beschreibungen und seiner Bemerkung, dass Colum Cille den Kristall im Kampf mit dem irischen Unterweltgott Cromm Gruach errungen hat, einen Gegenstand aus seinen Visionen wieder und kehrt mit der nur widerstrebend folgenden Aisling zu den Hügelgräbern zurück. Im Kampf mit Cromm Cruach reißt Brendan ihm ein Auge aus, das den Kristall darstellt, verliert aber Aisling, die sich nun nicht mehr in einen Mensch verwandeln kann und als weiße Wölfin in den Wäldern verschwindet. Brendan kehrt nach Kells zurück und vermag nun die unglaublichen Illustrationen im Buch auszuführen. Aber sein Onkel, der Abt Cellach, verärgert über die Abwendung seines Neffen von seinen Idealen, zerreist die ersten gelungenen Illuminationen und sperrt Brendan und Aidan im Skriptorium ein. Wenig später greifen die Wikinger Kells an, töten alle Einwohner, die sich nicht in den zentralen Turm des Klosters retten können, setzen die Siedlung in Brand und verletzen Cellach schwer. Brendan und Aidan können mit Aislings Hilfe entkommen, ziehen sich in eine Einsiedelei fernab in den Wäldern zurück, vollenden das Buch und reisen in den folgenden Jahren durch Irland, um mit seiner Hilfe die Menschen gewaltfrei zum Christentum zu bekehren. Erst als erwachsener Mann kehrt Brendan mit Pangur Bán nach Kells zurück, begegnet noch einmal Aisling in Gestalt der Wölfin und kann endlich mit seinem greisen Onkel Frieden schließen. Zu diesem Zeitpunkt wird das Book of Kells tatsächlich geöffnet und der Zuschauer sieht, was die Menschen in jener Zeit zweifelsohne zutiefst beeindruckt haben muss: die erstaunlichen und detailreichen Illustrationen, die ironischerweise nicht auf dem römisch-christlichen Bildkodex des restlichen Europas fußen, sondern auf dem, was die heidnisch-gälische Kultur dem irischen Christentum vermacht hat - eben das, was Brendan von Aisling lernen konnte.
Gut, die Story ist vielleicht etwas einfältig, aber was das visuelle Design des Filmes anbelangt, gehört das mit zum Schönsten, was die letzten Jahre auf dem Gebiet geleistet wurde, und was eben nur von Hand gezeichnete Filme bieten können. Alles in der Welt von Kells ist keltischen Formen nachempfunden und wirkt wie eine Buchmalerei, durchmischt zwar mit ein bisschen Klimt und ein bisschen Hundertwasser, was aber nicht stört. Schön auch, dass es trotz des christlichen Hintergrunds kein wirklicher Missionierungsfilm ist. Jesus wird nicht einmal erwähnt, und "god" nur, wenn sich's nicht vermeiden lässt. Was im Vordergrund steht, ist die Darstellung von Glaube und Imagination, die die Mönche befähigten, eines der bedeutendsten Kulturzeugnisse des Frühmittelalters zu schaffen, das wirklich wie ein Licht in diesen finsteren Zeiten erschienen sein muss.
Neben Aisling ist zweifelsohne die Katze Pangur Bán die sympathischste Figur im Film. Pangur Bán ist gälisch und bedeutet ungefähr so viel wie "weiße Walkwolle". Der Name hat einen realhistorischen Hintergrund, wie ich entzückt festgestellt habe, und zwar geht er auf ein altirisches Gedicht zurück, das von einem zweifelsohne begabten irischen Wandermönch gedankenlos an den Rand einer Handschrift in Süddeutschland gekritzelt wurde, und in dem er das Jagen seiner weißen Katze Pangur Bán nach Mäusen mit seinem eigenen Streben nach Erkenntnis durch die Buchlektüre vergleicht. Das ganze Gedicht kann man hier nachlesen, der Link zur englischen Übersetzung steht ganz unten. Man muss sich das einmal vorstellen, dass jemand im 9. Jahrhundert nach Christus, einer Zeit, in der nach dem Untergang der Antike das Mittelalter begonnen hat, so richtig finster zu werden, einfach ein auf seine Art so schönes Gedicht aus dem Ärmel schüttelt, ohne Herumgefeile, als bloße Randnotiz und Gedankenspielerei - kein Wunder, dass Irland damals den Ruf hatte, eine Insel zu sein, die nur von Heiligen und Gelehrten bewohnt wurde.
Montag, 14. März 2011
Das bisschen Super-GAU
ch bin gerade ziemlich schockiert darüber, wie hurtig die akute Katastrophensituation in Japan hierzulande für politische Stimmungsmache ausgenutzt wird, sowohl von den Regierungsparteien wie auch der Opposition. Es scheint mir geradezu unanständig, sich hier parteisuhlend selbstgefällig über das Für und Wider von Atomenergie auszulassen, während dort immer noch Menschen leiden und Menschen sterben und die atomare Katastrophe gerade ein Ökosystem, das ein Drittel unserer Planeten umfasst, über wahrscheinlich Jahrtausende hinaus verseuchen wird. Natürlich wird es beizeiten keine hübsche kompakte Wolke über Deutschland geben, weil Radioaktivität noch nicht das Internet für sich entdeckt hat, sondern auf Winde und Strömungen angewiesen ist. Ich frage mich trotzdem nur, wie sich unser Umweltminister bei der idiotischen Aussage, für Deutschland bestünde damit keine Gefahr, noch im Amt halten kann. Schon mal aufgefallen, woher der unglaublich günstige Thun kommt, der Mode-Pangasius, der Alaska-Seelachs? Dass Mangos und Litchies nicht unbedingt in Baden-Württemberg zu Hause sind, und wir einen ziemlich großen Teil unserer Importwaren, von Spielzeug bis hin zu Elektrowaren, aus diesem Raum beziehen? Ich könnte lachen, wenn die Situation nicht so bitterbitterernst wäre. Die nächste haarsträubende Aussage: in Deutschland kann ein solcher GAU nicht passieren, weil es hier keine Erdbeben und Tsunamis gibt. Ja? Dass nicht das Erdbeben oder der Tsunami direkt zur Explosion im Fukushima-Meiler führten (beides haben die Gebäude und Kühltürme nahezu unbeschadet weggesteckt), sondern erst der Stromausfall und der daraus resultierende Zusammenbruch des Kühlsystems, das ist eine Ereigniskette, die den Otto-Normal-Verbraucher-Bild-Zeitungs-Leser hier wahrscheinlich intellektuell überfordert oder von der er nichts zu wissen braucht. Ein Stromausfall, ein Versagen im Kühlsystem, das sind Dinge, die hier auch ohne weiteres passieren können.
So, jetzt habe ich doch noch über Atomenergie in Deutschland zu zetern angefangen. Das muss nicht sein. Nicht jetzt. Es gibt auch positive Nachrichten, von dem 60-Jährigen, der in Begriff war, auf dem Dach seines Hauses auf den Pazifik hinausgetrieben zu werden, gefunden und gerettet werden konnte. Draußen vor meinem Fenster bahnt sich sehr sacht aber bestimmt der Frühling seinen Weg, Finken singen. Gestern habe ich ein Feld voller Schneeglöckchen unter Erlen gesehen. Es sind so wunderschöne Dinge, die die Natur verschwenderisch herschenkt, und für die jetzt keiner einen Sinn hat. Jedes Schneeglöckchen ein gerettetes Leben, wenn das möglich wäre...
Dienstag, 1. März 2011
eute feiert man in Rumänien mit dem 1. März schon mal den Frühlingsanfang. An diesem heute sogar wunderbar sonnigen, wenn auch noch kühlen Tag schenken sich jenseits des Waldes Frauen und Männer ein kleines Martisor (sprich marzischoar), was übersetzt "Märzchen" bedeutet. Noch vor 200 Jahren haben die Frauen ihren Auserwählten am 1. März so ein Märzchen geschenkt, mittlerweile hat sich der Brauch umgekehrt (vielleicht patriarchalische Tendenz, müsste man mal nachforschen). Der Brauch ist uralt, er geht wahrscheinlich auf die dakoromanischen Kulturen zur Zeitenwende zurück, denn die Römer feierten schon am 1. März den Frühlingsanfang, den Beginn des neuen Jahres und gleichzeitig den Beginn der Feldarbeiten. Ein solches Märzchen besteht immer aus einer rot und weiß gekordelten Schnur in Schleifenform, an der manchmal ein kleines Glückbringerchen befestigt ist, dazu überreicht man auch gerne Schneeglöckchen. Die weiße Schnur steht für den Schnee, die rote für die Sonne, manchmal auch für das Blut. In einigen Gegenden, besonders Richtung Bulgarien hin, verschenkt man auch schwarz-weiße Schnüre. Das beschenkte Mädchen trägt die Schnur entweder mit einer Nadel befestigt an der Kleidung oder ums Handgelenk so lange, bis es einen blühenden Baum sieht. Dann darf es das Märzchen abnehmen, in den Baum werfen und sich etwas wünschen. Wenn die Schnur gleich beim ersten Wurf im Geäst hängen bleibt, geht der Wunsch in Erfüllung, fällt sie herunter, ist dies ein schlechtes Zeichen. Mittlerweile schenken auch wieder Frauen ihren Männen ein Martisor, es ist einfach ein Glücksbringer und Festzeichen, mit dem man seine Freude über den nahenden Frühling ausdrückt.
Je nach Region erzählt man sich die unterschiedlichsten Legenden über Entstehung und Bedeutung der März-Schnürchen. Die meisten beinhalten einen Kampf zwischen zwei mythischen Figuren (ein Drache und ein Held, der die gefangene Sonne befreien will, oder eine Winter- und eine Frühlingshexe), bei dem einige Tropfen Blut auf die Erde fallen, den Schnee zum Schmelzen bringen und so den Winter beenden. In Gedenken an dieses Ereignis flochten die Menschen rote und weiße Schnüre zusammen und schenken sie sich seitdem zum Ende des Winters.Nur weil ich Kulturwissenschaften studiere, darf der Hinweis natürlich nicht fehlen, dass sich hinter diesen Geschichten und der Farbsymbolik vielleicht eine letzte diffuse Erinnerung an recht blutige Opferriten verbirgt, die die Sonne zurückbringen und den Winter beenden sollen. Immer wieder interessant, wie Mythen und scheinbar simple Legenden als kollektive Gedächtnisspeicher fungieren, die sehr weit in die Vergangenheit zurückreichen. In diesem Sinne - für mich ist der 1. März der Beginn eines fröhlich-erwartungsvollen Count-Downs zur Tagundnachtgleiche und damit endlich endlich dem Beginn der guten Zeit. Mit Barfußlaufen in grünem Gras, duftenden Blüten und der Sonne im Gesicht.
Samstag, 12. Februar 2011
Freitag, 11. Februar 2011
À la recherche du temps perdu…
ine Weile ist es jetzt schon her, dass hier zuletzt geschrieben wurde, diesen Umstand mag man mir verzeihen, ich bin im Prüfungsstress. ;-) Am Montag steht die komparatistische Zwischenprüfung an und wie das immer bei geisteswissenschaftlichen Prüfungen im Allgemeinen und literaturwissenschaftlichen im Besonderen der Fall ist, besteht eher die Gefahr, dass man anstatt zu wenig zu viel weiß, sich in langschweifenden Argumentationsketten verliert und die verrinnende Zeit aus den Augen verliert. Auf dem Plan des ersten Teils stehen die Analyse eines (hoffentlich nicht) unbekannten Gedichts sowie der obligatorische Kanon aus 15 Werke der Weltliteratur, die man im Grundstudium in Eigenregie gelesen und analysiert haben sollte. Was Kafkas Verwandlung auf dieser Liste verloren hat, frage ich mich schon seit Monaten, aber Aufstellungen, die Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen, sind sowieso immer zu hinterfragen. Übrigens sehr aufschlussreich, dass auf der kleinen Literaturliste (es gibt noch eine große fürs Hauptstudium) weder Frauen noch außereuropäische Schriftsteller auftauchen. Soviel zu alten Denkmustern an einer modernen Uni. Neben dem Emo mit der Beamtenseele aus Prag stehen auch Leute wie Marcel Proust auf der Liste, aus dessen Mammutwerk Á la recherche du temps perdu der Romanteil In Swanns Welt anfällt, fernerhin unser vielgeliebter Dante mit seiner Divina Comedia, das ich so gern hab, weil der Mann mit der schrecklich großen Nase so wahnsinnig ehrlich ist und seinen ich-erzählenden Protagonisten beim Anblick der Höllengreuel ständig ohnmächtig in Vergils starke Arme sinken lässt, und noch viele viele andere, sinnigerweise beginnend mit Homers Odyssee und endend bei James Joyce's Ulysses.
Eine ganz andere Suche nach der verlorenen Zeit hat sich bei unserem Häuslebau-Projekt ergeben. Erwähnte ich es, meine Eltern haben ein riesiges Haus aus dem Jahre 1700 gekauft, das leider auch noch immer Dämmfüllungen von 1700, Balken von 1700 und einen Schweinestall im Hof von 1700 hat, ansonsten aber unglaublich schön, lebensvoll und geschichtsträchtig ist. Es ist ein bisschen traurig, weil es die letzten 30 Jahre als Treffpunkt wütender, drogenabhängiger und desorientierter Jugendlicher herhalten musste, aber wir gedenken es mit neuem Leben zu füllen. Die Dinge, die hinter doppelten Mauern, unter abgewetzten Eichendielen und aus Deckenverkleidungen wieder ans Licht kommen, sind nicht immer schön. Eine mumifizierte Katze, die an einem zentralen Punkt unterm Dach in den Boden gemauert war. Wir spekulieren noch, ob es sich um ein sogenanntes Bauopfer handelt, ein eher unsympathischer Zweig voraufklärerischen Brauchtums, haben sie aber in allen Ehren unter einer Eiche nahe des Dorfes begraben, Frieden und eine gute Reise gewünscht und Katzenminze ausgesät. Rechnungen eines Kolonialwarenladens von 1886. Interessante Bierflaschen mit aufwändiger Glasprägung und Kippverschluss und ein Glasfläschlein mit "rother Tinte" (sic!) von 1900. Als Bodenisolierung missbrauchte Polizeiakten von 1931. Ein paar zerfledderte "Die Wehrmacht"-Heftchen von 1939. Modejournale von 1960. Den Brief des Jugendamtes an eine Mutter von 1984, in der ihr mitgeteilt wird, dass ihr Sohn nunmehr in die Obhut von Pflegeeltern kommt. Die obligatorischen Heroin-Bestecke. Das erklärt, warum das Haus eine insgesamt traurige Atmosphäre ausstrahlt und einmal gründlich auf allen Ebenen gereinigt werden muss. Und dann tauchen so kleine Sachen auf wie zum Beispiel dieses wirklich alte alte Kachelbruchstück, das einmal zu einem Ofen gehört hat. Das in einem Pflanzenornament auslaufende Pferdchen oder vielleicht auch Hippocampus ist besonders am Kopf ganz abgetragen, als hätten über die Jahrhunderte hinweg unzählige Finger die Konturen der Stirn bis zu den Nüstern gestreichelt. Vielleicht kleine Kinder, die abends, wenn die Kachelpferde im Schein von Kerzen lebendig zu werden schienen, Geschichten erzählt bekommen haben, oder schmerzlich verliebte Bürgerstöchter, die auf ihren Prinzen auf einem Schimmel warteten. Man könnte ein Museum füllen mit den verlorenen Dingen, die längst zu Staub gewordene Menschen über 300 Jahre lang hier zurückgelassen haben. Natürlich muss jetzt alles von Grund auf renoviert werden, neue Türen gebrochen, Fenster ausgetauscht, Böden gelegt. Aber es ist schön, nicht als irgendwer in in irgendeine Wohnung ziehen zu müssen, sondern sich als jüngstes Glied einer langen Kette von Schicksalen und Menschenleben begreifen zu können, deren Spuren manchmal noch ersichtlich sind. Und eine sehr sinnträchtige Wendung hat das Ganze auch: In dem Jahr, als dieses Haus gebaut wurde, wanderte einer unserer dokumentarisch nachweisbaren Vorfahren vom Rhein-Mosel-Gebiet aus entlang der Donau nach Siebenbürgen aus. Vielleicht ist er hier vorbeigekommen und hat sich beim Anblick der Baustelle gedacht, wie schön es wäre, mit einer Familie ein so großes und stattliches Haus zu bewohnen. Die Vorstellung hat etwas für sich.
Mittwoch, 24. November 2010
Hurra, wir leben noch
ugen aufschlag* *blinzel* *umguck* Mhmmuähhwasistwobinichnochmal? *hingebungsvoll Nase putz* So, jetzt geht's wieder. Seit zwei Wochen bin ich krank, fiese Mittelohrentzündung, ausgehend von einer Mandelentzündung, die sich jetzt, und das ist gottseidank immer das Zeichen einer bakteriellen Verzweiflungstat, in den Bronchien verschanzt hat, wo ich die Infektion mit GeloMyrtol, das ist das Zeug, mit dem man so gut nach Koala duftet, in Schach halte. Also auf dem Weg der Besserung. Ein Glück. Wenn man mal verschnupft ist, einen Tag zu Hause bleibt, ein nettes Buch liest, Tee trinkt und sich entspannt, ist das eine tolle Sache, aber auf dem Höhepunkt dieser Tortur hätte ich alles darum gegeben, in Doppelschichten in die Uni zu gehen und zu arbeiten anstatt so elend wie ein Kadaver auf dem Sofa zu liegen und wirklich nichts tun zu können außer zu dämmern und die Minuten bis zur nächsten Keuchhustenattacke zu zählen. Gestern war ich schon wieder probehalber in der Arbeit, musste aber nach vier Stunden aufgeben und heimgehen. Uni läuft aktuell auch nur auf halber Kraft.
Ich hatte gehofft, den völlig nutzlosen Reizusten schon letzte Woche dämpfen zu können, nachdem mir der Hausarzt ein Mittelchen namens Capval mitgegeben hat. Der Hauptwirkstoff ist Noscapin, ein Alkaloid aus dem Schlafmohn, im Beipackzettel stand unter Nebenwirkungen irgendetwas von "sehr selten auftretenden Bauchkrämpfen". An dem Tag hab ich noch nebenbei Ibuprofen zur Schmerz- und Fieberlinderung und Entzündungshemmung nehmen müssen, und dass es beim der ersten halbdosierten nachmittäglichen Einnahme zwei Stunden später ganz leichte Magenkrämpfe gab, schob ich das auf das Antibiotikum. Am Abend warf ich mir dann die Standartdosis (zwei Pastillchen) ein und beschloss frohgemut, das Ibuprofen wegzulassen, da ich ja diese Nacht endlich wieder schlafen sollte. Ha, denkste - um Mitternacht fand ich mich im Bad kauernd auf den kalten Fliesen wieder, der Körper zusammengezogen von bestialischen Muskelkrämpfen im Brustbereich, die mich nicht atmen ließen, die Haut kalt, klebrig und schweißbedeckt. Eine halbe Stunde muss ich da gelegen haben ohne mich rühren oder wenigstens rufen zu können, dann hatte ich die Kraft, um mir Buscopan einzuwerfen, woraufhin sich die Spastik nach einer weiteren halben Stunde langsam löste, ich ins Bett wankte und in einen komatösen Schlaf fiel. Am folgenden Morgen habe ich dann in Internet von ziemlich vielen Menschen mit ähnlichen Symptomen nach der Einnahme von Capval gelesen. Kinder bekommen davon offenbar horrorähnliche Halluzinationen. Wie man bei dem Stand der Dinge im Beipackzettel noch von "sehr seltenen Oberbauchkrämpfen" sprechen kann, ist mir ein Rätsel, denn in der Nacht dachte ich allen Ernstes, ich müsse nun sterben. Naja, der Husten war da zumindest weg. *höhö* Jetzt vertraue ich wieder auf die gute alten Dampf-Inhalation, Salbeibonbons und Erkältungssalbe, und hoffe, dass sich das Ganze bald legt. Normalerweise wird in einer Vorlesung ja ständig gehüstelt, aber wenn aus einer Ecke immerzu ein Röcheln wie von einem sterbenden Pferd kommt, ist irgendwann sogar der Dozent genervt.
Montag, 1. November 2010
ittlerweile geht es wieder aufwärts. Wunden verheilen, bei allen Ärgernissen bietet jeder Tag etwas, worüber man sich freuen kann, und die Moira blickt wohlwollend auf einen herab. Bei rechter Überlegung entpuppt sich vieles, was uns Angst macht oder unser Denken verdüstert, als pures Luxusproblem, und ja, es ist wahr, schon ein bisschen Spazieren gehen, Fahrrad fahren und sich den Wind der Welt um die Nase wehen lassen kann schon viel dabei helfen, den Weg nach vorne zu erkennen.
Nachträglich noch Samhain Beannaith euch allen! Ich hatte diese Nacht weder Visionen noch interessante Wahrträume, aber offenbar hat mir das Fest geholfen, wieder ausgeglichener und gelassener zu werden. Jetzt esse ich Walnüsse und trinke grünen Tee. Ansonsten gab es auch bis auf einen rätselhaften Klecks halbverdauten anfermentierten Grases direkt vor meiner Balkontür, vor der heute Nacht der Reisigbesen lehnte, keine besonderen Vorkommnisse. Vielleicht hat da irgendein Dämönchen, das herein wollte, seinem Ärger etwas Luft gemacht...
Sonntag, 24. Oktober 2010
rgendwie geht's mir gerade nicht so dolle...
Das wird jetzt vermutlich eine längere Lamentatio, wer also nicht lesen will, muss nicht und schaut halt nächste Woche wieder rein, aber ich denke, ein Blog sollte nicht nur die schönen, lustigen Dinge im Leben enthalten, und wenn ich darüber schreibe, wird mir vielleicht klarer, was eigentlich los ist - und vielleicht hat der ein oder andere ja den ein oder anderen Rat.
Womit hat alles angefangen? Hm, vielleicht mit der schweren Krankheit meines Großvaters von jenseits des Waldes. Meine Eltern bekommen das nicht so recht mit (müssen sie auch nicht), aber sein Leid ist etwas, das mir näher geht als ich sogar selbst zuvor gedacht hätte. Er hatte ein Gangrän, das ihm jetzt ein Bein gekostet hat, und als hätten meine ständig darum kreisenden Gedanken einen Sympathieschluß oder so ausgelöst, hat sich mein Immunsystem in den Urlaub verabschiedet und ich bekomme überall selber entzündliche Vorgänge an der Haut, vornehmlich sehr schmerzhafte Papeln um den Mund herum (gerade sind es fünf), kleine Follikelentzündungen an den Unterarmen und sage und schreibe drei Nagelbettentzündungen an den Händen. Hinzu kamen die Erkältung letzte Woche und eine allgemeine Fahrigkeit im Denken, die mich planlos von einem Tag zum nächsten hetzten lässt. Ich möchte weinen und weiß nicht warum. Die ursprünglich eingesetzte Zinksalbe hat wegen des enthaltenen Wollwachs' die Entzündungen nur noch größer gemacht, das anschließend verwendete Povidonjod dämmte das zwar wieder ein, war aber so aggressiv, dass sich die oberste Hautschicht abgelöst hat und nässende wunde Stellen entstanden sind, die ewig brauchen, bis sie wieder heilen. Ein aufgesuchter Hautarzt hat mich zwei Minuten angesehen, irgendwas von "Akne" und "selber schuld, wenn Sie daran rumkratzen" gemurmelt und mich mit einem Rezept für irgendein Antibiotikum wieder nach Hause geschickt, von dem ich genau weiß, dass es das Grundproblem nicht beseitigen und nach seinem Absetzen die ganze Sache von vorne anfangen wird. In der Apotheke hatte man keine Lust, mich auf die Frage, ob es eine wundheilende Creme oder Salbe ohne Wollwachsalkohol gäbe, zu beraten. Irgendwie bin ich maßlos enttäuscht und komme mir vor wie eine entstellte Aussätzige. Jetzt behandele ich halt selber zu Hause mit Heilerde und Kamillenblütenaufguss, was schon zumindest körperlich positiv angeschlagen hat. Das Antibiotikum werde ich nicht holen. Was man gegen die innere Rastlosigkeit und allgemein negative Grundstimmung machen soll außer viel spazieren gehen, weiß ich allerdings nicht. Vorgestern war ich mit Arbeitskollegen weg, weil ich dachte, dass mich das vielleicht aufheitert und ablenkt, aber nach zwei Stunden bin ich beinahe aggressiv geworden und wollte nur noch heim in mein kleines Zimmer mit meinen Büchern, der samtigen Stille und den Herbstgestirnen draußen vor dem Fenster. Irgendwie hatte ich auch eine maßlose Angst, mein Großvater könnte in der Zwischenzeit gestorben sein, während ich in irgendeinem Lokal den belanglosen Gesprächen von Leuten gelauscht hätte, die ich bloß zweimal die Woche sehe und kaum kenne. Innenstädte bei Nacht sind sowieso widerwärtig. Jetzt trinke ich grünen Tee mit Lavendel und hoffe, dass sich der ganze Rattenkönig löst und ich wieder mein Gleichgewicht finde. Und mein Opa bald über den Berg ist und gesund wird.
Freitag, 15. Oktober 2010
ff, geschafft. Gestern und heute beide Sprachklausuren geschrieben. Was kam dran? Geeeeenau: in der englischen Klausur Shakespeares dramatisches Werk und in der französischen die klassische französische Tragödie, der Kram, den ich eigentlich die letzten vier Wochen lang hin und her gewendet, analysiert, verglichen und miteinander in jede erdenkliche Beziehung gesetzt habe. Jetzt besteht eher die Gefahr, dass ich zu viel anstatt zu wenig geschrieben habe. Die Übersetzungsteile waren beide machbar. Bei der französischen Übersetzung heute morgen gab's erst einmal Riesenerleichterung, denn Alphonse Daudets "Tartarin de Tarascon", an dem ich mich die letzten Wochen abgegarbeitet habe, war mit seinen ironischen Doppeldeutigkeiten und dem immensen Spezialvokabular eine sehr viel schwerere Übersetzungsarbeit als die heutige Aufgabe. Beim gestrigen englischen Übersetzungsteil hat's mich aber erst einmal gehörig geschaudert, denn der stammte aus Ernest Hemingways Roman "For Whom the Bell tolls" - und das, nachdem ich mich die letzte Woche so euphorisch mit John Donne auseinandergesetzt hatte. Überhaupt gab's gestern noch eine dicke Portion Schicksalsironie: Ich hätte ja eigentlich schon letztes Jahr zur Sprachklausur antreten sollen, fühlte mich aber irgendwie unvorbereitet und schob die klassische studentische 24-Stunden-Influeanza vor. Tja, und wer musste gestern und heute vollgepumpt mit Sinupret und mit Nasenspray, Taschentüchern und Salbeibonbons bewaffnet zur Prüfung antreten? Naaaa?
Ach ja, während ich so grübelnd aus dem Fenster in den Nordhof starrte, der mit großen Ebereschenbäumen bepflanzt ist, kam mir so ein kleines Stoßgebet in den Sinn.
Tja, kongenial gereimt. :-D Schien aber dennoch wohlwollend aufgenommen worden zu sein, denn ich denke, diese Prüfungen waren ganz erfolgreich. Jetzt freue ich mich auf ein entspanntes, lernfreies Wochenende zum Auskurieren. *hatschi*
Ach ja, während ich so grübelnd aus dem Fenster in den Nordhof starrte, der mit großen Ebereschenbäumen bepflanzt ist, kam mir so ein kleines Stoßgebet in den Sinn.
Rowan tree,
I cry to thee,
lend this to me:
a wisdom's goldberry,
and blessed be,
dear rowan tree.
Samstag, 9. Oktober 2010
Donnerstag, 7. Oktober 2010
Ist durch…
…mein stundenlanges begeistertes Rezitieren von Donnes Ausspruch versehentlich ein Zauber losgegangen? Plötzlich redet man in Stuttgart miteinander! Naja, ob's jetzt einen Baustopp gibt oder nicht, darauf können sie sich schon wieder nicht einigen, aber immerhin…
Well, thanks, Master John.
Well, thanks, Master John.
ch habe mich seit kurzem mal wieder eine schrecklich altmodischen Tätigkeit zugewendet, dem Stricken. Beim Zusammensuchen der etwas wetterbeständigeren Herbstaußenhülle (ja, ich bin früh dran *gg*) ist meine alte Lieblingsmütze nämlich buchstäblich zu Staub zerfallen, und weil in den Geschäften zwar billige Mützen en masse rumliegen, diese aber meistens aus so ekligem Acryl-Polymer-Gemisch sind und offenbar keiner mehr auf die Idee kommt, schöne Farben zu verstricken (das Wetter ist eh schon so trübe, da brauche ich wirklich kein Knochenascheschwarz, Nebelgrau und diese Leichenlilatöne), muss ich halt selber ran. Das Garn ist aus 100% europäischer Baumwolle und kommt aus dem Wollkontor Erlangen, einem Online-Shop, den ich hier wärmstens weiterempfehlen will, denn man kriegt dort einen so freundlichen, transparenten und menschlichen Service, dass es einem schier die Sprache verschlägt. Natürlich wird die Mütze grün. ;-) Einen etwas helleren weidenblattartigen Ton habe ich gleich mit gekauft für einen Loopschal. Joah, und zwischen Arbeit und den Lernstunden ist so eine halbe Stunde Stricken mit einer Tasse Tee und einem guten Hörbuch, während draußen der Nebel Perlen in die Spinnennetze zwischen den Balkongittern hängt, wirklich eine entspannende und sogar richtig meditative Tätigkeit.
In einer meiner Literaturgeschichten ist mir mal wieder eines der schönsten Zitate der Menschheitsgeschichte untergekommen, das ich schon ganz vergessen hatte. Es stammt aus der Meditation XVII von John Donne und lautet wie folgt:
In einer meiner Literaturgeschichten ist mir mal wieder eines der schönsten Zitate der Menschheitsgeschichte untergekommen, das ich schon ganz vergessen hatte. Es stammt aus der Meditation XVII von John Donne und lautet wie folgt:
"No man is an island entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main; if a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as any manner of thy friends or of thine own were; any man's death diminishes me, because I am involved in mankind. And therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee."Und dann schaut man nach Stuttgart, und man schaut sich in der Politik um, und in der Wirtschaft, und dann fragt man sich, woher ein einzelner Mensch, der eine Pluderhose trug und seit fast 400 Jahren tot ist, bloß so viel Verstand herbekommen hat.
Donnerstag, 30. September 2010
Literaturstöckchen und Filmkritik
ei Ashmodai gab's heute ein kleines Buchstöckchen zum Mitgehen lassen; da sag ich natürlich nicht nein.
Nimm ein Buch, welches mindestens 123 Seiten hat.
Schlag es auf Seite 123 auf, lies die ersten fünf Sätze und stelle die darauf folgenden drei Sätze auf Dein Blog.
Schlag es auf Seite 123 auf, lies die ersten fünf Sätze und stelle die darauf folgenden drei Sätze auf Dein Blog.
Ist so sinnlos das Ganze, dass ich es natürlich sofort ausprobieren musste:
"Selbst wenn die 'Admiral Tegetthoff' der hölzerne Tempel eines Lichtkultes wäre, in dem der Sonnenaufgang als die Wiederkehr der Gottheit verehrt würde, könnte an Bord die Hoffnung auf das Ende der Polarnacht, auf die erlösende Wiederkehr der Sonne nicht größer sein als in diesem Jänner des Jahres 1873. - Die Kranken werden zu Kräften kommen, die Eismauern werden einstürzen und als schmelzende Ruinen in der Dünung davontreiben, und der Wind wird gut sein - wenn nur erst die Sonne wieder über den Horizont steigt … Aber noch ist die Dunkelheit groß."
Christoph Ransmayr, "Die Schrecken des Eises und der Finsternis"
Das Buch habe ich mal gelesen, weil ich nördliche Abenteuerromane sehr mag, obwohl es in diesem Roman natürlich um mehr geht als Schlittenfahren und Robbenjagen, sonst wäre es nicht in der Auswahlbibliothek der Süddeutschen Zeitung gelandet.
~
Gestern abend hatte ich mir im iTunes Store einen Film ausgeliehen, der, obwohl er nicht in Athen spielt und (wahrscheinlich) auch kein Gegenentwurf zu Ken Folletts "Säulen der Erde" ist, nichtsdestotrotz "Agora - die Säulen des Himmels" heißt (jaaa, ich weiß - in der Antike hatte jede griechische Stadt eine Agora. Warum man in Deutschland aber unter jeden englischen Originaltitel einen reisserischen und absolut unpassenden Untertitel dranklatschen muss, bleibt mir weiterhin ein Rätsel). In der Hauptrolle eine überaus schöne und mädchenhaft - neurotische Rachel Weisz - und hier fangen die Probleme an.
Der Film behandelt - natürlich etwas aufgebauscht - das Leben der Philosophin und Mathematikerin Hypatia von Alexandria, einer Frau, die in der Bibliothek von Alexandria Philosophie und diverse Naturwissenschaften unterrichtete, astronomische Forschungen betrieb und aufgrund ihrer Schriften zu Kegelschnitten im Verdacht steht, 1200 Jahre vor Kopernikus und Kepler erkannt zu haben, dass sich die Erde auf einer elliptischen Kreisbahn um die Sonne dreht. Im März 415 wurde sie von einer Gruppe fanatisierter Christen auf grausame Art und Weise getötet, wahrscheinlich durch den Willen des damaligen ersten Patriarchen Kyrill von Alexandria, der seine politische Macht in der Region gegen den amtierenden Präfekten ausdehnen wollte.
Hypatias Lebensgeschichte ist interessant, weil sie durch ihre Dokumentation einen Blick in eine der brisantesten Zeitabschnitte der Menschheitsgeschichte erlaubt: den Untergang des römischen Reiches und den zunehmende Einfluss des Christentums. Wenn man "Christen und Antike" hört, denkt man natürlich sofort zuerst an das Kolosseum, hungrige Löwen und lebende Fackeln; dass schon Urchristen, sobald sie an Einfluss in der antiken Welt gewannen, die ganze Sache mit der Toleranz und der Barmherzigkeit gerne mal vergaßen, ist weniger bekannt. Zum Glück hat Regisseur Alejandro Amenábar keine "Guter Heide - böser Christ" - Parabel daraus gemacht, sondern sensibel zu zeigen versucht, dass nicht eine Religion an sich schlecht ist, sondern in erster Linie die korrumpierbaren Menschen, die sie tragen. Das ist natürlich ein Seitenhieb auf die heutige Diskussion um islamischen Fanatismus. Es ist deswegen vielleicht ein bisschen ungeschickt gewesen, den Patriarchen Kyrill und seinen Propagandahandlanger Ammonius wie zwei Extremisten aus dem hintersten Hindukusch aussehen zu lasen, während die moralisch "Guten" im Film - Hypatia und ihr Schüler und späterer Bischof von Kyrene Synesios sehr hellhäutig und -äugig sind (Synesios trägt sogar im Gegensatz zu Kyrill, der immer in schwarz rumläuft, eine weiße Kutte). Dazwischen stehen der Statthalter Orest und der Sklave Davus, beide in Hypatia verliebt, die versuchen, ihren Platz in dem Religionschaos zu finden. Davus, der in seiner Freizeit ptolemäische Tellurien baut (im Film fälschlicherweise als Astrolabium bezeichnet) und Hypatias Vorlesungen aufmerksamer verfolgt als ihre Studenten, dann aber paradoxerweise das fanatischste Mitglied einer christlichen Extremistenvereinigung namens Parabolani wird (AlQuaida - Verschnitt?), wirkt die ganze Zeit über immer etwas autistisch. Fand ich schade, aus ihm hätte man mehr machen können. Überhaupt scheint die ganze Liebesgeschichte immer ein bisschen notdürftig hineingeflickt, man will ja den unbedarfteren Zuschauer auch etwas bieten. Daran anknüpfend wird Hypatia (durch Rachel Weisz) als schönes, unschuldiges und immer leicht zerstreutes Mädchen bis zum bitteren Ende dargestellt, das Davus' Hundeblick nicht bemerkt und die selbstverliebten Huldigungen des Statthalter Orest zwar abweist, aber dennoch ständig mit ihm zusammensteckt. Das ist insofern etwas krude, da die historische Hypatia zum Zeitpunkt der Ereignisse höchstwahrscheinlich eine gestandene Frau Anfang 40 war, die sicher besseres zu tun hatte als ihre Verehrer an der Nase herum zu führen und ihre Studien auf eine recht unkoordinierte und unprofessionelle Art zu betreiben (so stellen sich halt Männer vor, wie eine Frau forscht und studiert). Ich hätte mir gewünscht, dass einmal ein Regisseur, zumal wenn er nicht aus Hollywood kommt, den Mut hat und eine Frau und Wissenschaftlerin zeigt, die man ernst nehmen kann und die bewundernswert ist, obwohl sie keine Pfirsichhaut und Apfelbrüste hat und sich nicht aufführt wie eine kokettierende Siebzehnjährige mit Genieanflügen. Dafür wäre die Geschichte der Hypatia ideal gewesen.
Ein schöner kleiner "Running Gag" ist die artifizielle Kameraführung geworden, die des öfteren aus Alexandria in die Vogelperspektive und sogar in den Weltraum weg- oder hinzoomt. Anfangs fand ich das etwas anachronistisch, aber jetzt erscheint es mir eine schöne Idee zu sein, die kleinlichen und dummen Konflikte der ewig lärmenden Menschlein auf Erden zu zeigen, während eine Frau allein ihren Verstand benutzt und sich zu den stummen Sternen und lautlosen Bahnen der Planeten empordenkt. Das tröstet ein bisschen über einige Hollywood-Patzer (ausgelassene Blutrünstigkeit inklusive) hinweg, die offenbar unverzichtbar sind, wenn man nach "Ben Hur" und "Gladiator" noch einen Sandalenfilm drehen möchte. Nichtsdestotrotz bleibt die humanistische Behandlung des heute recht empfindlichen Themas "religiöser Fanatismus und Antisemitismus" und natürlich das Herausgreifen einer ungemein faszinierenden Frauenbiographie etwas, das man diesem Film sehr hoch anrechnen muss. Man denke sich nur, was aus dem Stoff geworden wäre, wenn Ridley Scott auf die Idee gekommen wäre, sich daran auszutoben. Du meine Güte.
Montag, 27. September 2010
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| Mabon-Altar |
Flöte und ich gewöhnen uns aneinander. Wie es sich gehört, hat sie auch schon einen Flötennamen, nämlich Céirseach, das ist gälisch für die Schwarzdrossel oder Amsel, einen Vogel, der meiner Meinung nach mit seinen Sangeskünsten ohne weiteres jede Nachtigall aufwiegt. Ja, das sommerlange abendliche Singen der Schwarzdrosseln werde ich besonders vermissen im Winter...
Gerade die hohen Töne sind noch immer recht heiser, was daran liegt, dass man bei der Fife, um in die nächsthöhere Oktave zu wechseln, aufgrund des fehlenden Daumenlochs die Töne überblasen muss, soll heißen, bei gleicher Griffweise so reinpusten, dass sich der Ton quasi überschlägt. Und bis das mal schön klingt, muss ich noch ganz feste üben.
Dieses schöne Air-Stück oder je nach Auffassung auch Lament heißt An Buacaill Dileas Ua Eirinn, oder auf englisch "The dear Irish boy". Gehört, wie ich finde, in die engere Auswahl der schönsten keltischen Melodien. Offenbar kann man hier keine reinen Audiodateien einfügen, deswegen gibt's als optische Dreingabe ein paar schöne Fotos von www.irishviews.com .
Ich wünsch euch einen schönen Abend!
Mittwoch, 22. September 2010
An Irish Beauty
ach fast einmonatiger Wartezeit ist sie endlich da, die Flöte, die ich über eBay erworben habe. Wenn man ein Paket aus einem Land erwartet, das weiter weg liegt als etwa Österreich, wird einem mal wieder bewusst, wie groß unsere Welt immer noch ist; der erste Postwurfstempel der Royal Mail auf dem Päkchen stammte noch von Ende August, DHL hat's heute vor die Tür gelegt.
Gekauft habe ich dieses schöne Exemplar aus dunklem Walnussholz von David Angus , einem Flötenmacher aus dem County Down in Irland. Bei dem Instrument handelt es sich nicht direkt um eine "richtige" irische Querflöte, sondern um eine sog. Fife, das ist eine kleinere Piccoloflöte mit sechs Grifflöchern, die sich besonders im 19. Jahrhundert in der Militärmusik großer Beliebtheit erfreute. Die schrillen Pfeifen, die britische Soldaten in Historienschinken mit einer geradezu grotesk anmutenden Fröhlichkeit spielen, wenn sie dem Feind entgegenmarschieren, sind solche Fifes, die in einer sehr hohen Oktave überblasen werden. Das Instrument an sich ist allerdings schon älter; es hat seine Vorfahren im Mittelalter des europäischen Kontinents, wo solche Trommel- Seiten-, oder Schwegelpfeifen von Söldnern und Bauern gleichermaßen gespielt wurden. Das Wort "Schwegel" leitet sich von ahd. "suegala" ab, was "Schienbeinknochen" bedeutet - die ersten kurzen Flöten hat man, schon seit Anbeginn der Menschheit, aus Knochen gemacht. Letztes Jahr hat man zum Beispiel in Deutschland Flöten aus Elfenbein und Geierknochen gefunden, die 35.000 Jahre alt waren. Die Flöte ist damit das vermutlich älteste Musikinstrument der Menschheit.
Ja, schon wieder abgeschweift - selbstverständlich hätte ich zu Beginn lieber eine richtige irische Holzquerflöte gespielt, aber was man erst gar nicht bedenkt ist, dass diese Instrumente so richtig groß sind. Es hat schon seinen Grund, warum die meisten Irish Flutes heute von Männern gespielt werden: Bei einer Länge von über 60 cm und einem Durchmesser von bis zu zweieinhalb liegen die Grifflöcher, wenn man sich nicht mit einem Klappensystem behilft, so weit auseinander, dass man einfach große Hände braucht, um überhaupt darauf spielen zu können, vom notwendigen Lungenvolumen für den richtig langen Atem ganz zu schweigen. Eigentlich ziemlich sexistisch, so eine Irish Flute *grmpf*. Aber sei's drum, die Fife bringt denselben warmen, vollen Klang mit, der Holzflöten gegenüber der metallenen Tin Whistle so auszeichnet, sie ist sehr leicht zu lernen (selbst mit völlig verdorbener autodidaktischer Anblastechnik wie der meinen kriegt man nach ein bisschen Pusten ein paar Töne raus), man transportiert und pflegt sie leichter, und sie lässt einen, weil im Gegensatz zur Blockflöte quer gehalten, total elegant aussehen. :-D Wer sich fragt, für was er in langen Grundschuljahren mit Blockflötenunterricht gequält wurde, findet hier die Antwort, denn die Griffweise ist nahezu identisch. Und weil die Fifes, Tin Whistles und Irish Flutes durch ihre Bohrung bereits entsprechend vorgestimmt sind, muss man selbst ohne Harmonienkenntnisse nur ein paar Töne spielen und fühlt sich schon versetzt nach Dublin oder die wilden Küsten von Moher...
Falls ich jetzt wen mit meiner Begeisterung für irische Musik angesteckt habe, reichhaltiges Notenmaterial findet man bei The Session, einer selbstlosen Community, die im Netz ermöglicht, wovon Irlands Musik schon seit Jahrhunderten lebt: den freien Austausch zwischen den Spielern. Von dort stammt auch das Notenmaterial zu folgendem Lied, einer bretonischen Bourrée namens "Crested Hens" (sowas fällt auch nur den Galliern ein). Die heiseren Zwischentöne bitte ich zu entschuldigen, wir gewöhnen uns noch aneinander, die Fife und ich.
Gekauft habe ich dieses schöne Exemplar aus dunklem Walnussholz von David Angus , einem Flötenmacher aus dem County Down in Irland. Bei dem Instrument handelt es sich nicht direkt um eine "richtige" irische Querflöte, sondern um eine sog. Fife, das ist eine kleinere Piccoloflöte mit sechs Grifflöchern, die sich besonders im 19. Jahrhundert in der Militärmusik großer Beliebtheit erfreute. Die schrillen Pfeifen, die britische Soldaten in Historienschinken mit einer geradezu grotesk anmutenden Fröhlichkeit spielen, wenn sie dem Feind entgegenmarschieren, sind solche Fifes, die in einer sehr hohen Oktave überblasen werden. Das Instrument an sich ist allerdings schon älter; es hat seine Vorfahren im Mittelalter des europäischen Kontinents, wo solche Trommel- Seiten-, oder Schwegelpfeifen von Söldnern und Bauern gleichermaßen gespielt wurden. Das Wort "Schwegel" leitet sich von ahd. "suegala" ab, was "Schienbeinknochen" bedeutet - die ersten kurzen Flöten hat man, schon seit Anbeginn der Menschheit, aus Knochen gemacht. Letztes Jahr hat man zum Beispiel in Deutschland Flöten aus Elfenbein und Geierknochen gefunden, die 35.000 Jahre alt waren. Die Flöte ist damit das vermutlich älteste Musikinstrument der Menschheit.
Ja, schon wieder abgeschweift - selbstverständlich hätte ich zu Beginn lieber eine richtige irische Holzquerflöte gespielt, aber was man erst gar nicht bedenkt ist, dass diese Instrumente so richtig groß sind. Es hat schon seinen Grund, warum die meisten Irish Flutes heute von Männern gespielt werden: Bei einer Länge von über 60 cm und einem Durchmesser von bis zu zweieinhalb liegen die Grifflöcher, wenn man sich nicht mit einem Klappensystem behilft, so weit auseinander, dass man einfach große Hände braucht, um überhaupt darauf spielen zu können, vom notwendigen Lungenvolumen für den richtig langen Atem ganz zu schweigen. Eigentlich ziemlich sexistisch, so eine Irish Flute *grmpf*. Aber sei's drum, die Fife bringt denselben warmen, vollen Klang mit, der Holzflöten gegenüber der metallenen Tin Whistle so auszeichnet, sie ist sehr leicht zu lernen (selbst mit völlig verdorbener autodidaktischer Anblastechnik wie der meinen kriegt man nach ein bisschen Pusten ein paar Töne raus), man transportiert und pflegt sie leichter, und sie lässt einen, weil im Gegensatz zur Blockflöte quer gehalten, total elegant aussehen. :-D Wer sich fragt, für was er in langen Grundschuljahren mit Blockflötenunterricht gequält wurde, findet hier die Antwort, denn die Griffweise ist nahezu identisch. Und weil die Fifes, Tin Whistles und Irish Flutes durch ihre Bohrung bereits entsprechend vorgestimmt sind, muss man selbst ohne Harmonienkenntnisse nur ein paar Töne spielen und fühlt sich schon versetzt nach Dublin oder die wilden Küsten von Moher...
Falls ich jetzt wen mit meiner Begeisterung für irische Musik angesteckt habe, reichhaltiges Notenmaterial findet man bei The Session, einer selbstlosen Community, die im Netz ermöglicht, wovon Irlands Musik schon seit Jahrhunderten lebt: den freien Austausch zwischen den Spielern. Von dort stammt auch das Notenmaterial zu folgendem Lied, einer bretonischen Bourrée namens "Crested Hens" (sowas fällt auch nur den Galliern ein). Die heiseren Zwischentöne bitte ich zu entschuldigen, wir gewöhnen uns noch aneinander, die Fife und ich.
Dienstag, 21. September 2010
Umgezogen...
o, schon wieder eine Änderung im Blogalltag, mich hat's jetzt nämlich doch noch auf eine allgemein zugängliche Bloganbieterseite verschlagen. Der Hauptgrund dafür dürfte in der Tatsache begründet liegen, daß so eine mit iWeb erstellte Page trotz fehlender Blogfunktion und der daraus resultierenden Interimslösungen zwar eine optisch ansprechende Sache ist, aber ein Blog macht nur so richtig viel Spaß, wenn man von dort aus auf anderen Blogs rumstöbern kann, das Netzwerk mit einbezieht und sich einfach daran erfreut, von welchen Ecken aus andere Leute vorbeikommen, guten Tag sagen, und auf den (das?) nächste(n) Blog verweisen. Spannend, so etwas, obwohl ich für Internet-Netzen (im wahrsten Sinne des Wortes) immer und immer noch großes Misstrauen empfinde.
Joah, eigentlich wollte ich als Erstes einige Bilder von meiner Rumänienreise letzte Woche zeigen, aber wie das so ist, habe ich die Digitalkamera bei meiner Oma liegen lassen, und bis sie diese einer Großtante mitgibt, die zufällig nächste Woche für ein Chortreffen nach Deutschland kommt, diese dann meine andere Oma trifft und so weiter und so fort, vergeht wohl noch eine geraume Zeit. Deswegen kann ich jetzt nur mal meine schönste Errungenschaft aus Transilvanien herzeigen: Meinen neuen Reiserbesen, handgefertigt aus Weidenholz und Birkenzweigen wie es sich gehört. Also, man sieht sich auf der nächsten Blocksbergfeier … alldieweil versuche ich noch herauszufinden, was es hier nicht alles für neue interessante Funktionen gibt.

Wäh, schrecklich belichtet, aber die iPhone-Kamera gab nicht viel mehr her. Ich geh jetzt Kohlrabi schälen.
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