Montag, 8. Oktober 2012

Märchen

ch arbeite für ein Einhorn. Das Einhorn dirigiert mit seinem Horn in Deutschland und Österreich, entweder am Theater oder mit freien Orchestern, und trabt gelegentlich auch für Engagements nach Frankreich. Es war sogar schon einmal in Amerika, aber das hat ihm nicht so gut gefallen (weil man da so schwer Bio-Möhren findet). Wie es sich für ein derart elegantes und seltenes Fabeltier gehört, sieht das Einhorn dafür, dass es schon sehr lange lebt, märchenhaft gut und unsterblich jung aus, dementsprechend ist es auch etwas eitel. Weil es so schön ist, sich den ganzen Tag mit schönen Sachen umgibt und nur schöne, ästhetische Dinge tut, scheitert es aber bisweilen ganz schrecklich an den kleinen Problemchen des Alltags. Es ist einfach ein klitzekleines bisschen desorganisiert, dieses Einhorn. Natürlich, es ist ein Künstler, und als Künstler sollte man sich mit Organisation nicht abgeben. Immerhin ist es, obschon etwas altmodisch, ganz gut in der Lage mit seinen feinen, wohlzurechtgefeilten Hufen Mails und SMS zu schreiben, gottseidank. Sagt es also eines Tages bei einem unserer Arbeitstreffen:
"Ich bin gerade echt verzweifelt, weil ich morgen früh ans andere Ende des Königreich galoppieren muss, aber eigentlich noch Noten einrichten soll. Würdest du dir denn zutrauen, für ein Bach-Konzert und eine Mendelssohn-Sinfonie meine Partitureinrichtung in die einzelnen Streicherstimmen zu übertragen? Sag ruhig nein, wenns nicht geht."
Sag ich: "Liebes Einhorn, ich habe eine musische Ausbildung, spiele selber in einem Orchester und finde mich in Partituren gut zurecht. Das ist kein Problem."
Das Einhorn: "Neiin, stimmt das?! Da ergeben sich ja ganz neue Möglichkeiten für mich! Du bist meine Rettung! Ich bringe dir die Noten heute abend nach deiner Arbeit vorbei. Um sieben, ja? Und dann müsstest du dich nur ein klein bisschen beeilen, weil ich das Ganze schon etwas zu lange von den Bremer Stadtmusikanten ausgeliehen habe."
19:45 Uhr. Ich simse: "Liebes Einhorn, soll ich die Noten noch entgegennehmen oder hat sich das erledigt?"
Das Einhorn: "Nein, doch, natürlich, unbedingt! Ich bin nur mit dem Einrichten noch nicht ganz fertig. Das kann jetzt noch bis halb elf dauern, tut mir sooo leid! Ich hoffe das macht dir nichts?"
"Natürlich nicht. Warte, anbei noch meine Adresse."
Um halb elf stelle ich mich vorsichtshalber nach unten an die Straße, um das Einhorn zu erwarten, bevor es womöglich zehn mal an meinem Haus vorbeiläuft und anschließend von skrupellosen Pferdemetzgern entführt wird. Es wird elf. Am klaren Oktoberhimmel blinken die Sterne zwischen Nachtgewölk. Der Mond steht milde über meinem Haus. Ich sage mir alle Mondgedichte auf, die ich jemals auswendig gelernt habe. Drei Passanten fragen mich, ob ich mich ausgesperrt habe. Ich habe ein nettes Gespräch mit dem heimkehrenden jungen Nachbarn von nebenan. Er sagt, man solle sich, um gegen das Aussperren gewappnet zu sein, einen Zweitschlüssel aus einer Cola-Dose ausschneiden. 
Um halb zwöf ruft das Einhorn an:
"Oh Gott, jetzt wollte ich schon los und seh gerade, dass ich einen ganzen Part in den Bratschen vergessen habe. Jetzt brauch ich nochmal eine halbe Stunde! Es tut mir soooo leid!"
Kein Problem, liebes Einhorn, ich steh hier nur schon eine Stunde und muss morgen früh zur Arbeit. Wenn es genehm ist, gehe ich jetzt nach oben und mach mir einen Ingwertee.
Mitternacht zieht vorüber. Um halb eins ruft das Einhorn wieder an, im Hintergrund hört man nun ansteigendes Hufgeklapper:
"So, jetzt bin ich aber unterwegs. Wo wohnst du nochmal?"
"Ich hatte dir doch meine Adresse durchgegeben, damit du vorher bei GoogleMaps nachsehen kannst."
"Oh, das hab ich irgendwie versäumt. Ähm, jetzt bin ich schon beim Friedhof. Wenn ich an der Münchner Freiheit ankomme, ist das schon zu weit?"
Ich lotse das Einhorn irgendwie in meine Straße, notiere mir geistig, ihm zu Weihnachten ein Navigationsgerät zu schenken, und gehe dann nach unten. Nach fünf Minuten brettert es an den Gehweg und kommt mir mit einem Stapel Papier im rosigen Maul entgegen.
"Ach, du Gute, ich dachte schon, jetzt ist sie bestimmt schlafen gegangen und redet nie wieder ein Wort mit mir. Also hier der Bach und hier der Mendelssohn. Einfach die Dynamik und die Striche übernehmen. Vom Mendelssohn müsstest du dann je eine Stimmkopie nach XY schicken, und dann den ganzen Packen zurück nach Bremen."
Ich blättere kurz durch den Stapel.
"Vom Mendelssohn ist ja nur die Partitur da."
Das Einhorn wiehert entgeistert.
"Nein! Echt? Oh Gott, ich habe die Stimmen daheim liegen gelassen!!! Warte hier, ich bin in zehn Minuten wieder da! Muss nur einmal über den Englischen Garten hüpfen, geht ganz schnell!"
Und schon ist es davongeflitzt. Ich sehe zum Mond hinauf, der zuckt nur mit den Wolkenachseln und zieht über den Dachgiebel davon. Also gehe ich wieder nach oben und mache mir noch einen Ingwertee.
Kurz nach eins ist das Einhorn wieder da.
"Jetzt ist aber alles komplett. Guck mal, ich hab hier sogar noch so einen Brief vom Bremer Notenarchivar gefunden mit der genauen Adresse zum Zurückschicken."
Ich frage mich, ob ich ihm dafür die Kruppe tätscheln soll, weil es so stolz dreinblickt, und studiere kurz das Schreiben. Es lautet:
"Sehr geehrtes Einhorn, anbei wie gewünscht das Notenmaterial zur Einrichtung. Wir bitten aufgrund von Eigenbedarf für ein Konzert Mitte Oktober um Rückgabe bis allerspätestens 20. September. Gez. der Hahn, Notenarchivar der Bremer Stadtmusikanten"
Ich hebe ruckartig den Kopf. Das Einhorn scharrt etwas betreten mit dem Huf.
"Wir haben bereits Anfang Oktober", sage ich.
"Ja, in der Tat. Du müsstest dann einen gaaaanz netten Entschuldigungsbrief an den Hahn dazulegen, ja? Meine Güte, ich bin dir so dankbar! Das hat mich echt gerettet! So, und jetzt darfst du schlaaafen!"
Sprachs, wirft sich herum, und prescht Richtung Leopoldstraße davon. Ich horche auf das verklingende Hufgeklapper, bis es wieder still ist. Eine Turmuhr schlägt viertel nach eins.
"Wenn das so weitergeht..." murmle ich zum Polarstern. Der schweigt erhaben.





Mittwoch, 19. September 2012


Huch, schon wieder Herbst! Das Schwalbennest unterm Tor ist schon seit anderthalb Wochen leer. Zwei Bruten, einmal mit drei und einmal mit vier Küken, haben unsere Rauchschwalben diesen Sommer großgezogen, inklusive viele halsbrecherische Flugkapriolen direkt über unseren Köpfen, das ein oder andere Absturzdrama und mächtig viel Gezeter bei jeder Gelegenheit. Jetzt sind sie allesamt nach Afrika aufgebrochen und es ist merkwürdig still im Hof. Der Herbst ist immer still.
Der Kranz ist nicht aus dem Gartencenter, neiiiin, den hab ich gebunden, nachdem meine Mutter und ich von einem wunderschönen Spaziergang am Fluss entlang jede mit einem Riesenbündel Gesträuch heimgekehrt sind. Er besteht aus:
• Pfaffenhütchenbeeren
• Weißdornbeeren
• Hagebutten
• Schneeballbeeren
• Distel
• Goldrute
• Schlehen
• Hopfenranke (Grüße aus der Hallertau ;))
Jetzt hängt er bei uns vorne am Hoftor und zeigt allen, wie üppig es hier auch ist, wenn keine Blumen blühen. Eigentlich mag ich den Altweibersommer sehr gern; das Licht ist dann nicht mehr so blendend, sondern ganz weich und goldsatt, und im grünen Einerlei des Hochsommers tauchen wieder Farbskalen  und Schattierungen auf, die man sich anziehen möchte, so schön sind sie.
Nur fehlt die Zeit etwas, das Ganze zu genießen. Neben der Seminararbeit, bei der ich mal wieder an einen toten Punkt irgendwo zwischen Schellings System des transzendentalen Idealismus, Schlegels Vorlesungen zu Kunst und Literatur und einem jungen Brentano, der sich die ganze Zeit sarkastisch über die zwei kichernd zwischen Marmorbildern toter Frauen versteckt, angekommen bin, muss ich noch wegen eines wundervollen Jobs (künstlerische Mitarbeiterin eines recht bekannten und etablierten Dirigenten, huiii!) halbe Tage beim Finanzamt zubringen, um so eine doofe Steuernummer zu bekommen (und natürlich ist der Job an sich auch zeitaufwendig) und habe dann natürlich noch den regulären Studentenjob, der mich jede Woche zwei volle Tage kostet, an denen ich sonst zu nichts mehr in der Lage bin. Nur noch zu dem einen: Den Rückweg abends durch den Englischen Garten nehmen. Zu Fuß, das Fahrrad schiebend, ganz leise. Staunen über die Unwirklichkeit der Haine im Zwielicht. Fließendem Wasser zuhören, das verborgen im dunklen Gebüsch vorbeizieht. Den Geruch von Nebel, feuchter Erde und Gras einatmen. Und sich freuen an der Stille.

Dienstag, 7. August 2012


Hrmpf. Im Garten gelustwandelt, Telefon gehört, heiteren Sinns der Steintreppe entgegengehüpft - Zehchen gebrochen. Immerhin ist es eh zu kühl, um schwimmen zu gehen.

Mittwoch, 1. August 2012

Gesegnetes Schnitterfest, schönes Lughnasad und einen wunderbaren Spätsommer!
Ich fahr jetzt Beifuß pflücken und anschließend an den nächsten Weiher. ;-)

Sonntag, 29. Juli 2012

it dem erleichterten Aufseufzen Anfang dieses Monats war ich wohl etwas voreilig; jetzt sind es schon wieder drei Projekte parallel, die demnächst bewältigt werden wollen - immerhin liegt die Fachliteratur für zwei davon noch in der Bib und steht erst nächste Woche bereit, was für die Romanlektüre noch ein kleines Zeitfenster offen lässt. Gerade gelesen: Jonathan Franzen, Freiheit. Ich fands nicht schlecht, hab aber das überschwängliche Kritikerlob nicht vollends nachvollziehen können. Die Korrekturen hat mir besser gefallen. Nachdem mir offenbar nach Konfrontationskurs mit Allgemeinurteilen zumute ist, war ich gestern in der Thalheimer'schen Sommernachtstraum-Inszenierung im Resi und befand das Spektakel zwar für reichlich macho und auf lange Sicht hin eintönig (die drei wesentlichen Aspekte Blut, sich zur Gänze die Kleider vom Leib reißende Kerle und allgemein viel brutales Kopulationsgebaren wurden in den ersten zwanzig Minuten etabliert, danach kam für drei Stunden nichts Wesentliches mehr hinzu), aber ein paar interessante Momente, gute Schauspielleistung und schöne Bühneneinrichtungen gab's zwischendrin auch, die durchaus geeignet gewesen wären, die durch die Bank vernichtenden Rezension in den Feuilletons zu glätten. Außerdem war das 'Rahmenprogramm' über die Maßen lustig. Im nebenan liegenden Nationaltheater wurde nämlich Schenks Mottenkisteninszenierung vom Rosenkavalier gegeben, und weil der Abend wider Erwarten so schön war ("München leuchtete!"), flanierte die Oberschicht in bester Staatsgarderobe auf der großen Freitreppe und sonnte sich im Abendlicht und der eigenen Kulturbeflissenheit, ein immer wieder köstlich anzusehendes Gratisschauspiel. Ich weiß, dass man Oper im Gegensatz zum Sprechtheater inszenierungstechnisch etwas milder und in Hinblick auf musikalische Weiterentwicklungen betrachten muss (außerdem ist diese Oper an sich ja großartig - vielleicht, weil das Libretto von Hofmannsthal stammt), aber dass alle von einer so ollen Kamelle in akkurat konservierter Rokoko-Ausstattung immer noch begeistert sind, entzieht sich irgendwie meinem Verständnis. Vielleicht hat das dazu beigetragen, dass ich den Thalheimer-Sommernachtstraum im Kontrast dazu plötzlich ganz passabel fand. Vielleicht sollte das Resi zukünftig öfter so disponieren.



Donnerstag, 5. Juli 2012

aaaaaaaaahhhhhhhh... ein Seufzer der befreiten Erleichterung. Der unsäglich stressige (aber auch schöne, ohne Frage) Juni mit Referaten, Exkursionen, Projektabgabe-Deadlines und Sich-in-Kreuzverhören-mit-Professoren-bewähren ist endlich vorbei, und just wie es meine Silvestertarotlegung durch den Münzenkönig prophezeit hat, ist mit dem Juli ganz plötzlich ein Bekannter aus der Vergangenheit aufgetaucht und hat mir einen netten, simplen Nebenjob in freundlicher Arbeitsatmosphäre verschafft, der mich nicht vom Lernen abhält - damit wären die ewig studentische Geldnöte auch mal wieder elegant vom Tisch. Das feiere ich, indem ich endlich mal etwas anderes lese als Fachliteratur. Ab morgen für mich aus der StaBi abholbereit, und ich freu mich schon riesig darauf:
Euch auch ein schönes Wochenende! :-)


Sonntag, 17. Juni 2012

estern nacht bin ich von einer Exkursion meines Germanistik-Seminars aus Italien zurückgekehrt, die ich, eigenbrötlerisch und schüchtern wie ich bin, vor ca. 72 Stunden mit dem Gedanken antrat "Hm, ja, du kennst niemanden, niemand kennt dich, genieß die Kulturinfusion, halt dein Referat, und bring's ansonsten schnell hinter dich." Binnen Stundenfrist war ich dank der Intimität eines altmodischen Zugabteils der ÖBB Teil eines eingeschworenen Rudels, dessen einzelne Mitglieder jedes so verblüffend kauzig und individuell war wie das Team Harry Potter (und die Zugfahrt wie der Hogwarts-Express): die pumpstragende Flaneuse und Kunsthistorikerin, die zu jeder Lebenssituation eine mit rauchiger Stimme vorgetragene zynische Bemerkung wie Säure hatte. Die feenartig alabasterweißockerblondgrünäugige Mediävistin mit einer selbstironischen Vorliebe für Cradle of Filth und einer Hyper-Sonnenallergie, die sie zwang, sich ab einem UV-Index von 4 fröhlich halluzinogene Medikamente einzuschmeißen. Die in der finnischen Einöde groß gewordene und von allen möglichen Altergebrechen wie Rheuma und Osteoporose heimgesuchte HiWi-in eines der begleitenden Professoren, die mit dem lispelnden 1,89m-100kg-Hünen-HiWi des anderen begleitenden Professors zusammen war - joah, und ich. Alsbald zugesprochene special force: ein sicheres Gespür für Kontinuitätslinien kulturellen Weltwissens und Italienisch-Kenntnisse ;-). Die Kunsthistorikerin kannte ich flüchtig von einem anderen Seminar anderthalb Jahre zuvor, und der Freund der Mediävistin war auch mal in einem theaterwissenschaftlichen Kurs mit mir, was insgesamt Grund genug war, mich im proppenvollen Zug über die Alpen in ihr Abteil zu setzen und erst mal schüchtern in eine Ecke zu klemmen - fürderhin waren wir alle unzertrennlich.
Das allein war schon absonderlich genug. Ich habe es nie zuvor erlebt, dass sich derart unterschiedliche und extrem individuelle Menschen in einer solch raschen Gruppendynamik zusammengefunden und dabei in gegenseitigem Respekt für die speziellen Fähigkeiten der anderen so prima harmoniert haben. Was dem ganzen aber noch die Krone aufsetzte, war die Tatsache, dass wir in unserer ziemlich rasch ausbrechenden lautstarken Heiterkeit zwischen wirklich dämlichen Witzchen über die Wiener Würstchen im Reiseporviant und der Diksussion um Kulturtraditionen bei Biene Maja erstaunlich schnell allgemeiner Gegenstand des Neides und Hasses der restlichen 0815-feinbürgerlichen Lehramtsstudentinnen mit Namen wie Anna Sophia und Lena Amalia (die sich entweder zu Tode langweilten, versuchten, die Aufmerksamkeit der Professoren zu erhaschen, oder halbherzig Mittelstufen-Zickenterror praktizierten) wurden, was sich noch potenzierte, als auch der allgemein begehrtere der beiden Dozenten begann, zunehmend Tendenz zu unserer Rotte zu entwickeln, weil hier einfach die interessanteren und zwangloseren Gespräche stattfanden - frei nach dem Motto "Join the dark side - we have intellektuelle Würstchenwitze". Da gab es dann, nachdem man uns geistig nicht zu schlagen vermochte, alles vom kollektiven Augenverdrehen bis zum betont abfälligen Mustern der eignen etwas schlampig-unbekümmerten Garderobe - als souveräne Meta-Beobachter amüsierten wir uns köstlich darüber. Ich hielt in einem wunderwunderschönen kleinen italienischen Bergdorf ein Referat und wäre wahrscheinlich, wenn Blicke töten könnten, auf der Stelle entseelt zu Boden gesunken, weil die sonst übliche vernichtend rigorose Disputatio ausblieb und beide Professoren statt dessen für den "sehr schönen Beitrag und Ihre konstruktive und unprätentiöse Art der Interpretation" dankten. Im Anschluss separierten wir uns und kundschafteten, wobei der begehrtere Dozent sich mit beinahe flehentlichem Gesichtsausdruck zu uns gesellte und alle anderen mit der plastikbestuhlten Touristenfalle auf der Hauptpiazza Vorlieb nahmen, eine herrliche winzige Enoteca unter Olivenbäumen mit Blick über ein weinbaugeprägtes Tal aus, wo mit Weißwein und Aperol der heitere Einklang begossen wurde. Wir sprachen über die unsinnige Normativität der Postmoderne in Literatur und Drama und welche Aufklärungsbücher jeder in der Kindheit hatte - joah, was man halt an der Uni so bespricht. :-D Auf der Rückreise waren wir dann nicht mehr zu fünft sondern zu sechst im Abteil - sowie eine Flasche Veltliner, Würstchen mit Charakter, Essiggürkchen und eine Tüte Öko-Kekse. Ich bin jetzt noch heiser vom Lachen.
Es war viel zu schnell vorbei und wunderwunderschön. Es war deswegen so wunderschön, weil ich bis dahin gedacht hatte, ich fände deswegen seit drei Jahren keine Freunde an der Uni, weil ich eine überhebliche und von der eigenen eingebildeten Genialität eingenommene Misanthropin sei, aber jetzt weiß ich: mich trifft keine Schuld, die anderen sind wirklich so blöd. ^^ Nächste Woche ist Nachbesprechung, anschließend die etwas informellere Nachbesprechung der Nachbesprechung ;-) Im Herbst wollen wir fünf (vielleicht sechs, wenn der Prof seine Andeutungen wahrmacht) zusammen nach Venedig. Ich freu mich.

Die absolute Unbekümmertheit italienischer Wissenschaftler mit Handschriften aus dem 13. Jahrhundert - in Deutschland gäbe es für diese Szene Haftstrafe

Petrarca mit Hündchen, sinnend

Julias Balkon in Verona - eine absolut getötete und überbewertete Touristenattraktion

L'Enoteca - die Olivenhainterasse im rückwärtigen Hof des Gebäudes

...und wir. :-)




Dienstag, 29. Mai 2012


Einmal probieren als Sommererfrischung: Johannisbeeren aus dem Eisfach, vermengt mit Blüten der Katzenminze und ein wenig Vanillezucker bestreut. Schmeckt bombe...


... finden auch die Ackerhummeln. Zumindest was die Katzenminze anbelangt. Wir sind halt beide Katzenminzejunkies. ^^ Die Rauchschwalben kreisen und jagen, von fern ruft ein Kuckuck durch die frühabendliche Stille, ein Gartenrotschwanz guckt mich ganz kritisch an, ehe er an mir vorbei sein Nest anfliegt - ach ja, wir befinden uns natürlich nicht in München, sondern im oberbayerischen Kaff, wo ich ganz allein, mit einem Schürhaken und meiner grenzenlosen Tapferkeit bewaffnet, das Haus meiner Eltern hüte, während sie die Provençe bezelten. Und nachts kann ich mal bei offenem Fenster und ohne Ohrstöpsel schlafen, denn hier rauscht nicht alle zehn Minuten eine Krankenwagensirene oder ein BMW mit Minderwertigkeitskomplexen durch, sondern nur die Frösche und die Nachtigallen singen vom Fluß herauf. Es ist herrlich. Es ist Sommer daheim.




Donnerstag, 17. Mai 2012

Nicht, dass ich unterbeschäftigt wäre, aber eine Wiederaufnahmeprobe beginnt heute erst um halb drei, und wenn ich solche Termine mitten am Tag habe, komme ich vorher nicht so recht zum konstruktiven arbeiten (klar, wenn mal Feiertag ist, steht man auch erst um 11 auf :-p). Also ein bisschen mit Pixelmator gebastelt. Er ist zwar schon reichlich verspätet, aber wer diesen Maikalender für den Desktop noch runterladen will, kann das gerne tun. Falls ich für Juni auch einen machen will, fange ich rechtzeitig an. ^^


Gestern bin ich total nervös zu einer Besprechung bezüglich meiner Seminararbeit mit einem Professor gegangen (zu der er eingeladen hatte) und habe festgestellt, dass ich dringend an meiner Gelassenheit und der Geduld, anderen zuzuhören, arbeiten muss. Eigentlich wollte er, wenn ich jetzt darüber nachdenke, mir nur sein Lob aussprechen zum kritisch und innovativ bearbeiteten Thema und ein paar kleinere Fehler und Punkte weiter diskutieren, aber weil ich hinter jeder Bemerkung eine versteckte Kritik oder Missinterpretation dessen, was ich im Text eigentlich ausdrücken wollte, gewittert habe (der Herr hat aber auch eine Art, sich etwas verschwurbelt auszudrücken - wie ich in offiziösen Angelegenheiten :-D ), waren wir hinterher, glaube ich, beide etwas frustriert. Ich habe immer öfter den Eindruck, dass Sprache das letzte adäquate Mittel ist, um wirklich auszudrücken, was man wie meint oder wie empfindet, und eher verschleiernd denn erhellend wirkt. Selbst wenn andere deutsch sprechen, das ich nun seit dem vierten Lebensjahr meine Muttersprache nenne, kommt es mir manchmal vor, als würde ich mühsam einer Fremdsprache lauschen und habe immer Angst, nicht voll erfassen zu können, was der andere wirklich meint, und ihn dahingehend misszuverstehen. Und das liegt nicht unbedingt an der üblichen universitären Komplexität (die habe ich selbst bis zur Vollendung kultiviert, sagen Studienkollegen), sondern einfach - hm, ich weiß es nicht. :-/ 
Blöd, irgendwie.

Sonntag, 13. Mai 2012


Hui, den hab ich vom Seelenlicht verliehen bekommen, und das schon vor zwei Tagen, ohne es bemerkt zu haben. Dankedankedanke, ich freue mich riesig und fühl mich außerordentlich geehrt. :-D

Donnerstag, 10. Mai 2012

Dreimal Fenster...






Und immer, wenn ich an klaren Sommerabenden so etwas sehe, muss ich zwangsläufig das ab 1:00 vor mich hinsummen:




Hach, Sommer...

Sonntag, 6. Mai 2012











eute war einer dieser 'gloomy sundays' mit Nieselregen in grünem Laub und gedankenverlorenem in die Ecke starren, während man auf dem Sofa liegt. Ich war nichtsdestotrotz auch ein bisschen kreativ und hab die 'Musikecke' ausgeschmückt, sprich, irgendwie versucht, die hässlichen Flecken, wo vor Urzeiten wohl irgendein Postertesa etwas vom Putz mitgenommen hat, an dieser Wand verschwinden zu lassen. :-D Das Ergebnis kann sich halbwegs sehen lassen (yes, I'm very fond of roses), zumindest ist es besser als das, was vorher da war. Das Bild ist etwas unscharf, ich bitte um Verzeihung. Aus was für Gründen auch immer ist ein Familienportrait daraus geworden (wir sind zu fünft, und seit einigen Wochen hat es sich meine Mutter zur Angewohnheit gemacht, bei jeder Gelegenheit anzurufen oder eine SMS zu schreiben um zu berichten, wie es den Schwalben geht). Nachdem ich gestern auf einer Hochzeit mit einer schönen Trauung in einer wundervollen Rundkirche war, bei der das zeltartig sich zuspitzende Dach so von der Mauer abgehoben war, dass man die Bäume in schönstem Maigrün gesehen hat, der Priester nicht müde wurde, beständig um göttlichen Kindersegen und christlich zu erziehende Nachkommen zu bitten (die Braut studiert noch mit mir!), und es auf der anschließenden Feier die üblichen rührenden Querelen um peinliche Schwiegervaterreden und weinende Mütter gab, bin ich wohl etwas familienfixiert. Nächstes Wochenende ist ja auch noch Muttertag, da könnte man mal wieder heimfahren. Schauen ob die Schwalbenküken schon geschlüpft sind und so. :)

Montag, 16. April 2012

in ehemaliger Kommilitone, der jetzt in Bonn Geschichte studiert, hat mir ein Päckchen geschickt, in dem sich eine Matronae-Figurine befand. Wir haben mal herrlich vehement darüber diskutiert, ob Goethe, wenn er Mephisto in Faust II von den Müttern sprechen lässt ("Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit, um sie kein Ort, viel weniger eine Zeit" - googelt mal die ganze Stelle, es macht einen schaudern). womöglich die römisch-keltischen Matronen gemeint hat. Ich war aus literaturwissenschaftlicher Sicht dafür, er aus historiographischer dagegen. Blöderweise hat keiner von uns gewusst, ob es zu Goethes Zeiten schon ärchaeologische Funde von Matronensteinen gab. Das Figurenterzett (es ist die Reproduktion einer in Köln gefundenen Figurine, die er in Bonn in einem Museumsshop entdeckt und gleich an mich gedacht hat) wollte er mir darum nicht vorenthalten, auch wenn er's versäumt hat, nachzusehen, wann der älteste Fund datiert ist. Aber das wird nachgeschickt, großes Ehrenwort. :-D Lieber Daniel, ich hab mich riesig gefreut, vielen Dank und liebe Grüße nach Bonn!
Sie sind ein bisschen unheimlich, die Gesichter der Matronen mit den überdimensionierten Hauben (was ihren Stand als verheiratete Frauen anzeigt; die mittlere trägt als junges Mädchen das Haar offen), aber das Konzept an sich finde ich ungemein faszinierend. Es ist einer der sehr tiefschichtigen Schnittpunkte zwischen keltischer, germanischer und römischer Volksreligiosität gerade im Grenzgebiet am Rhein. Wie die Genii Cucullati als Nothelfer auf Reisen waren die Matronen die guten Feen im Alltag, die man um alle kleinen Sorgen und Nöte angegangen hat, für die die Götter etwas zu 'hoch' waren, um Vorratshaltung, den Haussegen, Bitten um einen guten Tag, Schutz, Geburt und Gesundheit, Trost, kleine Wünsche, Frauenkram, aber in ihren Händen lag, ähnlich wie die Nornen, Disen, Moiren und Walküren, das Schicksal der Menschen, der Verlauf von Schlachten und Ausgang von Kriegen, und daran kann man sehen, wie uralt diese dreigesichtigen kleinen Göttinnen des Alltags eigentlich sind. Wer mehr zum Matronenkult lesen mag, kann das hier in aller Ausführlichkeit tun.
Und was war das erste, woran ich beim Rumlesen gedacht habe? An die Hexen aus Lancre, von denen Pratchett selber schon schrieb, sie seien "the maiden, the mother...and the other one."*kicher* Die Doppelbödigkeit als Alltagspragmatismus und Mysterium, die ich besonders an den Tiffany-Weh-Büchern mag, ist, denke ich, eine anschauliche Analogie zu dem, was solche Genii von 'richtigen' Göttern unterscheidet. Bei mir stehen sie folgerichtig in einem Schrein (die verteil ich jetzt überall im Haus) in der Münchner Küchenecke und gucken wohlwollend streng in Vertretung von Mama, dass auch nichts anbrennt, ich ordentlich esse und es mir gut geht.:-)

Mittwoch, 21. März 2012


(Halb nachträglich) einen wunderschönen Frühlingsanfang, Alban Eilir Beannaith und gesegnete Ostara! Freut euch, es beginnt die gute Zeit. :-)

Dienstag, 20. März 2012

chtung, kleines Frustabladepost. Wer sich den schönen Sonnentag nicht verleiden lassen will, schaut in ein paar Tagen wieder rein. ;-)
Gestern hatte ich Orchesterprobe. Ein Dirigent, den ich noch von früher kenne, hat mich gefragt, ob ich zur Aufstockung seiner Bratschengruppe bei einem Konzert zum Gedenken an jüdische Musiker unter anderem das Mendelssohn-Violinkonzert in e-Moll mitspielen will; die Sologeigerin kommt für die Endproben und das Konzert extra aus Hannover. Ich fand's toll und hab natürlich ja gesagt. "Du müsstest dann auch ein bisschen mit den Bratschen üben, Fingersätze und Striche und so", hat er auch gemeint. Das Orchester ist vornehmlich aus Schülern und jungen Erwachsenen rekrutiert; es gibt blöderweise nur vier Bratschen, was für das Repertoire ein bisschen wenig ist, die Jüngste ist vierzehn. Beim Spielen des dritten Satzes drehte ich mich gelegentlich um, um zu sehen, ob sie mitkam, allerdings saß sie in aller Seelenruhe mit der Bratsche in den verschränkten Armen auf ihrem Platz und starrte auf ihr Handydisplay.
"Spielst du den dritten Satz gar nicht mit?", frug ich also leicht perplex in einer Pause.
"Nein, mein Lehrer sagt, ich soll noch nicht, der ist zu schwer."
"Wer ist dein Lehrer?"
"XY vom Suzuki-Spielclub."
Es stellte sich dann heraus, dass das Mädchen nicht nur den kompletten dritten Satz, sondern auch weite Teile des zweiten und vier Zeilen im ersten Satz nicht mitspielen 'sollte', auch am Konzertabend nicht. Das war mit dem Dirigent, einem Freund des Suzukilehrers, abgesprochen. Ich bin etwas schockiert. Für Bratschen ist das Mendelssohn-Konzert kein Ding der Unmöglichkeit, es verlangt, abgesehen von ein paar rhythmisch etwas diffizilen Stellen, wo man auf die anderen horchen muss, lediglich, dass man sich einmal hinsetzt und über einen geeigneten Fingersatz nachdenkt und zweimal mit einem Metronom alles durchgeht. Nein, die Kleine durfte das nicht, ihr Suzukilehrer, der sie seit der zweiten Klasse betreute, befand das für zu schwer. Ich komme mir etwas alt vor. Ich hatte den konventionellen Instrumentalunterricht des 20. Jahrhunderts: bei einem etwas frustrierten alten Ukrainer, der mich so lange Kreuzer-Etüden in einfacher, doppelter, dreifacher Geschwindigkeit durchexerzieren ließ, bis ich einen Krampf in den Fingern hatte. Dafür konnte ich dann aber auch in der 7. Klasse bei Konzerten von Mozart, Rheinberger und Tschaikowsky mitschrammen, vielleicht nicht besonders schön, aber technisch gut genug, um mit allen anderen Schritt zu halten - und vor allem das ganze Stück und nicht nur die langsamen Liegenoten und ein paar Nachschläge. Ja, ich hätt's schön gefunden, in der Grundschulzeit auch nach Suzuki unterrichtet zu werden, bei einem netten, warmherzigen Lehrer, der Freude an der Musik und nicht Repertoireperfektion für das Nonplusultra des Instrumenterlernens hielt, aber wenn man nach sechs Jahren Unterricht noch immer nicht in der Lage ist, ein technisch eher im Mittelfeld liegendes Mendelssohn-Konzert ganz mitzuspielen, zweifle ich dann doch an der Wirksamkeit dieser Methode.
Das war das eine. Das andere betrifft das andere Extrem auf der Skala nerviger Streicher-Heimsuchungen: ich soll zwar überall schauen, dass alle mitkommen, mit der 1. Geige Striche durchsprechen und mir geeignete Fingersätze überlegen, auf der Stimmführerposition hockt aber ein Ekel von Abiturientin, die sich auf die Aufnahmeprüfung am Konservatorium für Violine vorbereitet und keine Gelegenheit auslässt, lauthals ihren Unmut darüber kundzutun, dass sie a) nicht die Solistin ist, obwohl sie das Konzert ach so toll spielen kann b) nicht die Konzertmeisterin ist, obwohl die Konzertmeisterin ach so unfähig ist und c) dass sie den Dirigenten nicht leiden kann. Der Dirigent ist ein netter Schulmusiklehrer, etwas hysterisch zwar, aber harmlos. Eigentlich wollte er das Mädel irgendwo in der Mitte der 2. Geigen besetzen, damit sie die hinteren Pulte mitzieht, aber da kam es, wie mir eine aus der selbigen Geige schaudernd erzählte, zum Eklat, weil entweder sitzt sie ganz vorne oder sie spielt nicht mit. Das ist traurig. Eine Instrumentengruppe im Orchester anzuleiten ist keine Prestigesache, sondern eine Frage des Verantwortungsgefühl für seinen "Bereich" und der Loyalität dem Gesamtkorpus gegenüber - man sitzt ja nicht in einem Wettbewerb gegen alle anderen, sondern in einem Kollektiv, das zu einem Lebewesen verschmelzen soll, in dem die einzelnen Organfunktionen wie geschmiert miteinander harmonieren. Das will nicht in den blöden Schädel meiner blöden Sitznachbarin, die alles durchweg fortissimo spielt, damit jeder hört, was für eine tolle Streicherin sie ist. Man muss es allerdings sagen, sie spielt wirklich ausgezeichnet und wird mal sicher eine exzellente Solistin - hoffentlich, denn einem Orchester ist eine solche Person nicht zumutbar. Nun diskutier ich also mit dem Rest der Truppe Fingersätze aus, sprech mit der ersten Geige die Striche durch, ermuntere die kleine Suzukibratsche, doch mal wenigstens probehalber die wunderschönen Achtelwellen im 1. Satz mitzumachen, zähle beim Spielen alle Pausen durch und hole vom Dirigenten die Einsätze so ab, dass das hintere Pult das auch mitbekommt - als man mich also bat, den Platz zu wechseln, damit der Mann weiß, wen er beim Einsatzgeben angucken muss, stimmte die offizielle Stimmführerin ein Geheul an, als hätte man sie persönlich schwer beleidigt. Hinterher gab's dann große Diskussion. Nein, sie sähe das ja gar nicht ein, dass sie den ganzen Technikkram den anderen Bratschen diktieren soll, wenn die nicht von selbst drauf kämen und das übten, könne sie auch nichts machen und nein, die Striche wüsste sie auch so, das müsse sie doch nicht extra mit der Konzertmeisterin (die ja eh so blöd sei) durchsprechen. Ich schaltete auf 'Ich-werde-ganz-ruhig-und-in-meinem-Kopf-ertönt-nichts-als-Debussy-und-Meeresrauschen'- Modus und machte, nachdem sie abgedampft war, mit dem völlig am Boden zerstörten Dirigenten aus, dass sie halt sitzen bleiben solle, wo sie will, und wenn es Einsätze gibt, schaut er sie eben an wie sich das gehört, ich bekomm das auch so mit, und wenn man die Suzukibratsche nur ein wenig weiter ermutigt, kann die den 1. Satz komplett spielen, dann stimmt auch der Gesamtklang wieder. Er tat mir einfach so leid, der arme Kerl. Eine solche, Verzeihung, Rampensau dulden zu müssen, weil man nur mit ihr das nötige Volumen erreicht, das verdirbt wirklich den ganzen Spaß an der Sache.
So, jetzt geht's wieder. Ich bin übrigens erkältet *schnief*, wenn die Sonne etwas höher steigt, werde ich mich in den Garten setzen und Energie tanken. Bis dahin noch einen Kaffee.

Sonntag, 18. März 2012

Der Gott hat sich den Hals gebrochen

Am Freitag einen mühseligen Trip (Tram - U-Bahn - Bahnhofwarterei - Zug - Bahnhofwarterei - Bimmelbahn - Fußmarsch - Bus) heimwärts gemacht und das hier auf meinem Schreibtisch gefunden: 
Aaawwww, Mama! Wunderschön, nicht?

Überhaupt war das Wochenende sehr sprießend im Sinne von kreativ. Wir haben den Garten aufgeräumt, Beete befreit und neu angelegt, weitere Pflänzchen gesetzt, und sind dann in der unverschämt goldwarm scheinen Frühlingssonne in den remobilisierten Gartenstühlen gesessen, haben Kaffee getrunken und Haselnuss-Johannisbeer-Kuchen gemampft, während allüberall die Vöglein zwitscherten. Diesen vegetativ-grünen Impetus hab ich gleich weitergetragen und, angeregt durch Amalas Streichholzschachtelschrein, das Reisekästchen für meine Votivfigürchen zu einem Reisealtärchen ausgebaut:
Da wird allerdings jetzt nur die Dame drin transportiert. Warum? Der Gott hat sich den Hals gebrochen. Nein, ehrlich. Beim letzten Transport von München heimwärts konnte ich die Göttin unversehrt aufstellen, während die Gottfigur keinen Kopf mehr hatte - am Genick glatt abgebrochen, obwohl sein Specksteinnacken viel massiver war als der der Dame. Irgendwie erscheint es mir nicht angebracht, den Kopf einfach wieder mit Pattex dranzubappen und so zu tun, als wär das nichts; ich neige dazu, solchen Vorkommnissen Bedeutung beizumessen. Jetzt denke ich also gelegentlich darüber nach, was männliche Idole in meinem Leben eigentlich für eine Rolle spielen und ob sie das überhaupt müssen. Nachdem ich mich für die aktuelle Seminararbeit wirklich anstrengen musste, auch mal etwas Fachliteratur von einer Frau aufzutreiben. Nachdem ich auf ein Berufsfeld hinarbeite,  das im wesentlichen von narzisstischen, machtbesessenen oder zumindest neurotischen Männerfiguren geprägt ist. Und so weiter und so fort. 
Ganz hat sich das y-Chromosom allerdings nicht aus dem Spirituellen verabschiedet, was man nicht nur am stolzen Hirschen sieht, der für mich einfach dazugehört, sondern auch noch an den drei Gesellen nebenan:
Das sind die sog. Genii Cucullati, zu deutsch in etwa 'Kapuzengeister'. Wie immer klingt das englische hooded spirits deutlich tiefgründiger (wenn es etwas gibt, um das man die Angelsachsen beneiden kann, ist es ihre hochgradig das Lateinische ehrende Sprache, die im Gegensatz zum Deutschen einen sehr feinen aber gewinnenden Unterschied macht zwischen ghost und spirit). Der Name leitet sich vom Reisemantel mit Kapuze (gall. cuculla) ab, der ein typisch gallisches Kleidungsstück war und von dort aus Bestandteil der Ausrüstung der römischen Infanterie wurde. Die Genii Cucullati sind ein Geister-Kollektiv; sie erscheinen stets mindestens zu dritt auf Votivsteinen als kleinwüchsige Männer, manchmal mit Schwertern oder auch Eiern als Requisit, bisweilen als Begleiter keltischer Gottheiten. Man geht davon aus, dass sie Schutzgeister der Reisewege waren, aber auch Helfer in der Not, die immer bereitstanden, um zu Hilfe zu eilen. Fundorte liegen nicht nur bei Heilquellen im Rheingebiet (die Wellness-Spas der Antike), in Österreich und Ungarn, sondern auch entlang des Hadrianswalls, weswegen man annimmt, dass sie auch als Kriegshelfer angerufen wurden. Mir persönlich erscheint es aber wahrscheinlicher, dass diese Votivsteine von Reisenden gestiftet wurden, die den Wall (nicht nur von römischer, sondern auch piktischer Seite her) sicher erreicht hatten und dafür den Kapuzengeistern einfach zum Dank einen Bildstein aufstellen ließen. Man diskutiert darüber, ob die Genii Cucullati mit den markanten Zipfelmützen teilweise eingegangen sind in heute noch bekannte kulturfolgende Wesenheiten, etwa Heinzelmännchen - oder auch Gartenzwerge. Wer sich also das nächste Mal über Nachbar Biedermeiers kleine Kollektion im Vorgarten beschwert, gedenke vorher feierlich der langen Traditionen, die die Zipfelmütze als Signum der schützenden Wesenheiten innehat. ;-) Ich habe gute Erfahrungen mit ihnen auf langwierigen Zugreisen (etwa um innnerhalb von zwei Minuten vor Zugabfahrt ein Bayernticket zu organisieren) und den jetzt wieder machbaren Fahrradtouren über Land gemacht; sie sind ungemein freundlich und witzig und freuen sich, wenn man bei der Pause an einer Wegkreuzung oder unter einem Marterl einen Keks oder so zurücklässt. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch nette Weggefährten für größere Schulkinder sind, auch wenn sie dazu neigen, gelegentlich etwas unanständig zu sein :-D (es gibt Darstellung von ihnen als verstecktes Fascinum oder wie sie auf vielsagende Weise ihre Tuniken lüpfen). Das ist aber nie grob, sondern einfach nur lustig und gehört zu der besonderen Vorstellung antiker Religionen, körperlich sinnliche Darstellungen würden Schadenszauber abwenden - eigentlich eine sehr entspannende Sache. Nächste Woche sehen wir dann mal, ob sie auch einen Flug nach Hamburg mitmachen. :-)
Cucullati-Stein aus Gloucestershire, 3. Jahrhundert nach Christus



Freitag, 9. März 2012

eute wegen einer schon den ganzen Winter andauernden merkwürdigen Durchblutungsgeschichte in den Fingern bei der Hausärztin gewesen. Diagnose: Raynaud-Syndrom. "Kein Ding", hat sie gemeint, "ist nicht gefährlich. Musiker mit starker Fingerbelastung bekommen das gelegentlich." Dann gab's noch ein bisschen Geschimpfe, warum ich meine, bei minus 15 Grad ohne adäquates Handschuhwerk mit dem Rad fahren zu müssen, und bei meinen Winzpfötchen wäre statt einer den ganzen Armapparat schwer belastenden Bratsche vielleicht eine Triangel als adäquates Instrument angebracht. Ne, keine Bange, meine Hausärztin und ich verstehen uns blendend. Sie war ein paar Jahre in Südafrika ehrenamtlich tätig, und wenn man dann zurückkommt und das therapieren soll, was der durchschnittliche Bayer unter krank versteht (aber bitte mit Apothekenrezept und vier Wochen krankschreiben), kann ich schon verstehen, dass man dann gelegentlich etwas sarkastisch wird. Beim (primären) Raynaud-Syndrom ist (durch irgendeine Nervengeschichte in der Hand) die Temperaturschätzung des Körpers in den Kapillargefäßen der äußersten Extremitäten gestört; bei der geringsten Abkühlung werden dann sofort Mechanismen in Gang gesetzt, die eigentlich für arktische Kälteeinbrüche reserviert sind, was etwas befremdlich, manchmal unangenehm bis gelegentlich schmerzhaft ist. Meistens löst sich das Ganze nach zwei, drei Minuten wieder. Wenn die Intervalle länger werden, soll ich wiederkommen, dann gibt's Tabletten (aber nur dann). Jetzt hab ich also hin und wieder Zombiefingerchen. ;-) Das nächste Mal mach ich ein Foto, es sieht wirklich gruselig aus.
Also ein weiterer Grund, sich zu freuen, dass heute die Sonne geschienen hat und es (bestimmt gleich) endlich Frühling mit einhergehenden milderen Temperaturen wird. Das überzeugenste Argument ließ sich diesen Abend im Ahornbaum vor meinem Mansardenfenster nieder: Endlich endlich sind wieder diese lichtblauen Abende mit Amselrichgesang da.

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Mittwoch, 29. Februar 2012

s taut. Gottseidank. Mit der Hochspannung, die man eigentlich nur als aktiver Glücksspieler der wöchentlichen Lotterieziehung widmet, verfolgen wir im Wetterbericht, wie die Temperaturen mühsam, aber tapfer Stück um Stück nach oben klettern. Draußen spitzen an exponierten Stellen schon Frühjahrsblüher aus der duftenden Erde. In den Bäumen kracht nachts der aufsteigende Saft.
Die letzte Woche war ich in München, Wiederaufnahmeproben begleiten, im Stadtarchiv gewesen, Bibliotheken geplündert und endlich wieder mit dem Fahrrad kreuz und quer in der Stadt unterwegs, nachdem während des furchtbaren Frosts die letzten zwei Monate meine Bremsen eingefroren waren und ich mit der U-Bahn fahren musste. Viel Fachliteratur gewälzt, mit Büchern und Bratsche (Konzert im April, also brav Etüden üben) zum Hauptbahnhof, wo mal wieder eine polizeiliche Hundertschaft unterwegs war. An den Bahnsteig gestellt in der Hoffnung ein Bayernticket organisieren zu können. Ziemlich schnell hat man ein Grüppchen zusammen, bestehend aus einer zierlichen Asiatin mit geschmackvollem hellgrauen Wollmantel und dürftigen Deutschkenntnissen, einem schweigsamen Türken, einem noch schweigsameren Serben und einer heiteren Afrikanerin, die eine Art Manding-Französisch spricht. Die Hundertschaft stellt sich als vom Bundesgrenzschutz heraus und schickt einen Vertreter zur Passkontrolle. Der Vertreter kontrolliert mürrisch den Türken, den Serben und die Afrikanerin, mich und die Asiatin würdigt er keines Blickes. Vermutlich fallen wir als zu gut gekleidet aus seinem Fahndungsraster oder so. Weil die Afrikanerin nicht versteht, was er von ihr will, und nur verlegen lächelt, der Bundesgrenzschutzmann aber kein Französisch kann, dolmetsche ich und darf dann gleich doch noch meinen eigenen Personalausweis vorweisen; vermutlich habe ich mich durch das freundliche Anerbieten meiner Sprachkompetenz in der Verdacht gebracht, die Afrikanerin durch die Gegend zu schleusen. Der stille Serbe muss zu seinem zerfledderten Pass zig Beiblätter vorweisen, die er aber alle dabei hat und dem geblafften Amtsjargon des Mannes zum Trotz mit sanftmütiger Würde eines nach dem anderen vorzeigt. Das scheint den Beamten noch verdrießlicher zu stimmen. Er zieht schließlich grußlos von dannen.
"Bah, était presqu'aussi rude qu'la police française", sagt die Afrikanerin in ihrem kugeligen Französisch.
"L'effect Merkozy, je pense", antworte ich nur. Sie lacht so schallend auf, dass die ganze Bundesgrenzschutzhundertschaft in der Halle hinter uns kollektiv zusammenzuckt.

Ach, und wo wir schon bei hirnrissigen Aktionen sind: das hing vorgestern an einen Baum an der Leopoldstraße genietet:

Die Website dazu ist so krass, dass es eigentlich nur ein Scherz sein kann. Ich vermute eine absolut trottelige Werbeaktion für den Film Devil Inside, alles andere äre eigentlich nur ein todtrauriger Beweis für den schlechten Einfluss der Popkultur auf die geistige Gesundheit ihrer Rezipienten. Dass Leute mit sowas unschuldige Stadtpappeln betackern müssen...

Mittwoch, 1. Februar 2012

as ist für Amitiel :) Es ist ganz merkwürdig, dass ich diese Zeilen vor gefühlt zehn Jahren das letzte Mal gelesen habe und sie mir am Wochenende plötzlich wieder mit einer Wucht in die Hirnwindungen schossen, dass ich mich erst einmal hinsetzen musste.



Hyperion an Diotima 
Nicht wahr, die heiligern Akkorde hören darum denn doch nicht auf? Nicht wahr, Diotima, wenn auch der Liebe sanftes Mondlicht untergeht, die höhern Sterne ihres Himmels leuchten noch immer?  
~ 
Fromme Seele! Ich möchte sagen, denke meiner, wenn du an mein Grab kömst. Aber sie werden mich wohl in die Meersfluth werfen, und ich seh' es gerne, wenn der Rest von mir da untersinkt, wo die Quellen all' und die Ströme, die ich liebte, sich versammeln, und wo die Wetterwolke aufsteigt, und die Berge tränkt und die Thale, die ich liebte. Und wir? O Diotima! Diotima! Wann sehn wir uns wieder? Es ist unmöglich, und mein innerstes Leben empört sich, wenn ich denken will, als verlören wir uns. Ich würde Jahrtausende lang die Sterne durchwandern, in alle Formen mich kleiden, in alle Sprachen des Lebens, um dir einmal wieder zu begegnen. Aber ich denke, was sich gleich ist, findet sich bald. Große Seele! Du wirst dich finden können in diesen Abschied und so lass mich wandern. 
Lebe wohl. 
~

 Friedrich Hölderlin, Hyperion

1799 

Freitag, 27. Januar 2012

achdem in München ja eigentlich eher die Thalkirchner Brücke für ihren Zusatzbehang bekannt ist, habe ich letztens auch im Englischen Garten an einer der vielen wunderschönen kleinen Brücken mit schmiedeeisernem Geländer Liebesschlösser gefunden. Eigentlich ein entzückender Brauch (der natürlich aus Italien kommt, jüngeren Datums ist und durch einen Film europaweit bekannt wurde); dessen Prozedere vorsieht, dass ein frischvermähltes Paar ein graviertes Schloß zum Zeichen ewiger Liebe an das Geländer einer Brücke schließt und den dazugehörigen Schlüssel in das Wasser (in diesem Fall des Schwabinger Bachs) wirft. Stellt sich nur die Frage, was dann alle Beteiligten machen, wenn's mal doch nicht zusammen klappen sollte. Kommt dann einer mit dem Bolzenschneider zurück oder sucht am Bachgrund nach dem vermaledeiten Schlüssel?
Eine Kommilitonin, mit der ich schon seit der Oberstufe befreundet bin, heiratet diesen Sommer und initiiert damit den nächste Entwicklungsschritt in unserem gemeinsamen studentischen Bekanntenkreis, den vom schrecklich unvernünftigen Twen hin zum ach so vernünftigen, für eine Familie Verantwortung tragenden Erwachsenen. Jetzt beginnt die Zeit der Hochzeiten (und der Frage, wen es als nächsten erwischt) und abgeänderten Nachnamen im Adressbuch; ich glaube, Filme zu dieser Thematik bilden mittlerweile ein eigenes Subgenre. Das ist schrecklich, wenn man die Dramaturgie von Büchern, Filmen und Dramen kennt, alle Vorgänge des eigenen Lebens kommen einem so dermaßen vorhersehbar oder zumindest bekannt vor. :-D Denn was geschah im folgenden: Die Kommilitonin frug nach passenden Ausschnitten literarischer Werke und schönen Hochzeitsbräuchen, woraufhin ich heute nochmal die Brücke mit den Liebesschlössern suchte, um ihr das als Ort für die Hochzeitsfotos und vielleicht einem eigenen Schloß vorzuschlagen, in Gedanken etwas verbittert und wehmütig bei dem jüngst Verflossenen und der Frage, ob man sich das antun soll, als Single allein auf eine Hochzeit zu gehen. An der Brücke angekommen traf ich - genau, einen vor Jahren zum letzten Mal gesehenen Schulkollegen (exakt, er hat sich just von seiner Freundin getrennt), mit dem ich mich dann fast eine halbe Stunde überaus nett im Januarfrost unterhielt, wobei sich herausstellte, dass er auch auf die Hochzeit eingeladen worden sei und mich schließlich für nächste Woche auf einen Kaffee einlud. Herrlich, nicht? Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, zwischen den winterkahlen Buchen nach einem Typen mit Pappbecher und Hornbrille Ausschau zu halten, der da offensichtlich gerade das Drehbuch für diesen Tag schrieb, und ihm zuzurufen, dass er gefälligst etwas sparsamer mit den Klischees sein solle. Eigentlich sollte ich nicht so zynisch sein, sondern dankbar für diesen so freundlich dargebotenen Wink des Schicksals. Tja, und jetzt ratet einmal, was in meiner Jahreskreislegung von Silvester auf dem Februarplatz lag: Vier Kelche. Danke, hab verstanden. :-D