Mittwoch, 21. März 2012


(Halb nachträglich) einen wunderschönen Frühlingsanfang, Alban Eilir Beannaith und gesegnete Ostara! Freut euch, es beginnt die gute Zeit. :-)

Dienstag, 20. März 2012

chtung, kleines Frustabladepost. Wer sich den schönen Sonnentag nicht verleiden lassen will, schaut in ein paar Tagen wieder rein. ;-)
Gestern hatte ich Orchesterprobe. Ein Dirigent, den ich noch von früher kenne, hat mich gefragt, ob ich zur Aufstockung seiner Bratschengruppe bei einem Konzert zum Gedenken an jüdische Musiker unter anderem das Mendelssohn-Violinkonzert in e-Moll mitspielen will; die Sologeigerin kommt für die Endproben und das Konzert extra aus Hannover. Ich fand's toll und hab natürlich ja gesagt. "Du müsstest dann auch ein bisschen mit den Bratschen üben, Fingersätze und Striche und so", hat er auch gemeint. Das Orchester ist vornehmlich aus Schülern und jungen Erwachsenen rekrutiert; es gibt blöderweise nur vier Bratschen, was für das Repertoire ein bisschen wenig ist, die Jüngste ist vierzehn. Beim Spielen des dritten Satzes drehte ich mich gelegentlich um, um zu sehen, ob sie mitkam, allerdings saß sie in aller Seelenruhe mit der Bratsche in den verschränkten Armen auf ihrem Platz und starrte auf ihr Handydisplay.
"Spielst du den dritten Satz gar nicht mit?", frug ich also leicht perplex in einer Pause.
"Nein, mein Lehrer sagt, ich soll noch nicht, der ist zu schwer."
"Wer ist dein Lehrer?"
"XY vom Suzuki-Spielclub."
Es stellte sich dann heraus, dass das Mädchen nicht nur den kompletten dritten Satz, sondern auch weite Teile des zweiten und vier Zeilen im ersten Satz nicht mitspielen 'sollte', auch am Konzertabend nicht. Das war mit dem Dirigent, einem Freund des Suzukilehrers, abgesprochen. Ich bin etwas schockiert. Für Bratschen ist das Mendelssohn-Konzert kein Ding der Unmöglichkeit, es verlangt, abgesehen von ein paar rhythmisch etwas diffizilen Stellen, wo man auf die anderen horchen muss, lediglich, dass man sich einmal hinsetzt und über einen geeigneten Fingersatz nachdenkt und zweimal mit einem Metronom alles durchgeht. Nein, die Kleine durfte das nicht, ihr Suzukilehrer, der sie seit der zweiten Klasse betreute, befand das für zu schwer. Ich komme mir etwas alt vor. Ich hatte den konventionellen Instrumentalunterricht des 20. Jahrhunderts: bei einem etwas frustrierten alten Ukrainer, der mich so lange Kreuzer-Etüden in einfacher, doppelter, dreifacher Geschwindigkeit durchexerzieren ließ, bis ich einen Krampf in den Fingern hatte. Dafür konnte ich dann aber auch in der 7. Klasse bei Konzerten von Mozart, Rheinberger und Tschaikowsky mitschrammen, vielleicht nicht besonders schön, aber technisch gut genug, um mit allen anderen Schritt zu halten - und vor allem das ganze Stück und nicht nur die langsamen Liegenoten und ein paar Nachschläge. Ja, ich hätt's schön gefunden, in der Grundschulzeit auch nach Suzuki unterrichtet zu werden, bei einem netten, warmherzigen Lehrer, der Freude an der Musik und nicht Repertoireperfektion für das Nonplusultra des Instrumenterlernens hielt, aber wenn man nach sechs Jahren Unterricht noch immer nicht in der Lage ist, ein technisch eher im Mittelfeld liegendes Mendelssohn-Konzert ganz mitzuspielen, zweifle ich dann doch an der Wirksamkeit dieser Methode.
Das war das eine. Das andere betrifft das andere Extrem auf der Skala nerviger Streicher-Heimsuchungen: ich soll zwar überall schauen, dass alle mitkommen, mit der 1. Geige Striche durchsprechen und mir geeignete Fingersätze überlegen, auf der Stimmführerposition hockt aber ein Ekel von Abiturientin, die sich auf die Aufnahmeprüfung am Konservatorium für Violine vorbereitet und keine Gelegenheit auslässt, lauthals ihren Unmut darüber kundzutun, dass sie a) nicht die Solistin ist, obwohl sie das Konzert ach so toll spielen kann b) nicht die Konzertmeisterin ist, obwohl die Konzertmeisterin ach so unfähig ist und c) dass sie den Dirigenten nicht leiden kann. Der Dirigent ist ein netter Schulmusiklehrer, etwas hysterisch zwar, aber harmlos. Eigentlich wollte er das Mädel irgendwo in der Mitte der 2. Geigen besetzen, damit sie die hinteren Pulte mitzieht, aber da kam es, wie mir eine aus der selbigen Geige schaudernd erzählte, zum Eklat, weil entweder sitzt sie ganz vorne oder sie spielt nicht mit. Das ist traurig. Eine Instrumentengruppe im Orchester anzuleiten ist keine Prestigesache, sondern eine Frage des Verantwortungsgefühl für seinen "Bereich" und der Loyalität dem Gesamtkorpus gegenüber - man sitzt ja nicht in einem Wettbewerb gegen alle anderen, sondern in einem Kollektiv, das zu einem Lebewesen verschmelzen soll, in dem die einzelnen Organfunktionen wie geschmiert miteinander harmonieren. Das will nicht in den blöden Schädel meiner blöden Sitznachbarin, die alles durchweg fortissimo spielt, damit jeder hört, was für eine tolle Streicherin sie ist. Man muss es allerdings sagen, sie spielt wirklich ausgezeichnet und wird mal sicher eine exzellente Solistin - hoffentlich, denn einem Orchester ist eine solche Person nicht zumutbar. Nun diskutier ich also mit dem Rest der Truppe Fingersätze aus, sprech mit der ersten Geige die Striche durch, ermuntere die kleine Suzukibratsche, doch mal wenigstens probehalber die wunderschönen Achtelwellen im 1. Satz mitzumachen, zähle beim Spielen alle Pausen durch und hole vom Dirigenten die Einsätze so ab, dass das hintere Pult das auch mitbekommt - als man mich also bat, den Platz zu wechseln, damit der Mann weiß, wen er beim Einsatzgeben angucken muss, stimmte die offizielle Stimmführerin ein Geheul an, als hätte man sie persönlich schwer beleidigt. Hinterher gab's dann große Diskussion. Nein, sie sähe das ja gar nicht ein, dass sie den ganzen Technikkram den anderen Bratschen diktieren soll, wenn die nicht von selbst drauf kämen und das übten, könne sie auch nichts machen und nein, die Striche wüsste sie auch so, das müsse sie doch nicht extra mit der Konzertmeisterin (die ja eh so blöd sei) durchsprechen. Ich schaltete auf 'Ich-werde-ganz-ruhig-und-in-meinem-Kopf-ertönt-nichts-als-Debussy-und-Meeresrauschen'- Modus und machte, nachdem sie abgedampft war, mit dem völlig am Boden zerstörten Dirigenten aus, dass sie halt sitzen bleiben solle, wo sie will, und wenn es Einsätze gibt, schaut er sie eben an wie sich das gehört, ich bekomm das auch so mit, und wenn man die Suzukibratsche nur ein wenig weiter ermutigt, kann die den 1. Satz komplett spielen, dann stimmt auch der Gesamtklang wieder. Er tat mir einfach so leid, der arme Kerl. Eine solche, Verzeihung, Rampensau dulden zu müssen, weil man nur mit ihr das nötige Volumen erreicht, das verdirbt wirklich den ganzen Spaß an der Sache.
So, jetzt geht's wieder. Ich bin übrigens erkältet *schnief*, wenn die Sonne etwas höher steigt, werde ich mich in den Garten setzen und Energie tanken. Bis dahin noch einen Kaffee.

Sonntag, 18. März 2012

Der Gott hat sich den Hals gebrochen

Am Freitag einen mühseligen Trip (Tram - U-Bahn - Bahnhofwarterei - Zug - Bahnhofwarterei - Bimmelbahn - Fußmarsch - Bus) heimwärts gemacht und das hier auf meinem Schreibtisch gefunden: 
Aaawwww, Mama! Wunderschön, nicht?

Überhaupt war das Wochenende sehr sprießend im Sinne von kreativ. Wir haben den Garten aufgeräumt, Beete befreit und neu angelegt, weitere Pflänzchen gesetzt, und sind dann in der unverschämt goldwarm scheinen Frühlingssonne in den remobilisierten Gartenstühlen gesessen, haben Kaffee getrunken und Haselnuss-Johannisbeer-Kuchen gemampft, während allüberall die Vöglein zwitscherten. Diesen vegetativ-grünen Impetus hab ich gleich weitergetragen und, angeregt durch Amalas Streichholzschachtelschrein, das Reisekästchen für meine Votivfigürchen zu einem Reisealtärchen ausgebaut:
Da wird allerdings jetzt nur die Dame drin transportiert. Warum? Der Gott hat sich den Hals gebrochen. Nein, ehrlich. Beim letzten Transport von München heimwärts konnte ich die Göttin unversehrt aufstellen, während die Gottfigur keinen Kopf mehr hatte - am Genick glatt abgebrochen, obwohl sein Specksteinnacken viel massiver war als der der Dame. Irgendwie erscheint es mir nicht angebracht, den Kopf einfach wieder mit Pattex dranzubappen und so zu tun, als wär das nichts; ich neige dazu, solchen Vorkommnissen Bedeutung beizumessen. Jetzt denke ich also gelegentlich darüber nach, was männliche Idole in meinem Leben eigentlich für eine Rolle spielen und ob sie das überhaupt müssen. Nachdem ich mich für die aktuelle Seminararbeit wirklich anstrengen musste, auch mal etwas Fachliteratur von einer Frau aufzutreiben. Nachdem ich auf ein Berufsfeld hinarbeite,  das im wesentlichen von narzisstischen, machtbesessenen oder zumindest neurotischen Männerfiguren geprägt ist. Und so weiter und so fort. 
Ganz hat sich das y-Chromosom allerdings nicht aus dem Spirituellen verabschiedet, was man nicht nur am stolzen Hirschen sieht, der für mich einfach dazugehört, sondern auch noch an den drei Gesellen nebenan:
Das sind die sog. Genii Cucullati, zu deutsch in etwa 'Kapuzengeister'. Wie immer klingt das englische hooded spirits deutlich tiefgründiger (wenn es etwas gibt, um das man die Angelsachsen beneiden kann, ist es ihre hochgradig das Lateinische ehrende Sprache, die im Gegensatz zum Deutschen einen sehr feinen aber gewinnenden Unterschied macht zwischen ghost und spirit). Der Name leitet sich vom Reisemantel mit Kapuze (gall. cuculla) ab, der ein typisch gallisches Kleidungsstück war und von dort aus Bestandteil der Ausrüstung der römischen Infanterie wurde. Die Genii Cucullati sind ein Geister-Kollektiv; sie erscheinen stets mindestens zu dritt auf Votivsteinen als kleinwüchsige Männer, manchmal mit Schwertern oder auch Eiern als Requisit, bisweilen als Begleiter keltischer Gottheiten. Man geht davon aus, dass sie Schutzgeister der Reisewege waren, aber auch Helfer in der Not, die immer bereitstanden, um zu Hilfe zu eilen. Fundorte liegen nicht nur bei Heilquellen im Rheingebiet (die Wellness-Spas der Antike), in Österreich und Ungarn, sondern auch entlang des Hadrianswalls, weswegen man annimmt, dass sie auch als Kriegshelfer angerufen wurden. Mir persönlich erscheint es aber wahrscheinlicher, dass diese Votivsteine von Reisenden gestiftet wurden, die den Wall (nicht nur von römischer, sondern auch piktischer Seite her) sicher erreicht hatten und dafür den Kapuzengeistern einfach zum Dank einen Bildstein aufstellen ließen. Man diskutiert darüber, ob die Genii Cucullati mit den markanten Zipfelmützen teilweise eingegangen sind in heute noch bekannte kulturfolgende Wesenheiten, etwa Heinzelmännchen - oder auch Gartenzwerge. Wer sich also das nächste Mal über Nachbar Biedermeiers kleine Kollektion im Vorgarten beschwert, gedenke vorher feierlich der langen Traditionen, die die Zipfelmütze als Signum der schützenden Wesenheiten innehat. ;-) Ich habe gute Erfahrungen mit ihnen auf langwierigen Zugreisen (etwa um innnerhalb von zwei Minuten vor Zugabfahrt ein Bayernticket zu organisieren) und den jetzt wieder machbaren Fahrradtouren über Land gemacht; sie sind ungemein freundlich und witzig und freuen sich, wenn man bei der Pause an einer Wegkreuzung oder unter einem Marterl einen Keks oder so zurücklässt. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch nette Weggefährten für größere Schulkinder sind, auch wenn sie dazu neigen, gelegentlich etwas unanständig zu sein :-D (es gibt Darstellung von ihnen als verstecktes Fascinum oder wie sie auf vielsagende Weise ihre Tuniken lüpfen). Das ist aber nie grob, sondern einfach nur lustig und gehört zu der besonderen Vorstellung antiker Religionen, körperlich sinnliche Darstellungen würden Schadenszauber abwenden - eigentlich eine sehr entspannende Sache. Nächste Woche sehen wir dann mal, ob sie auch einen Flug nach Hamburg mitmachen. :-)
Cucullati-Stein aus Gloucestershire, 3. Jahrhundert nach Christus



Freitag, 9. März 2012

eute wegen einer schon den ganzen Winter andauernden merkwürdigen Durchblutungsgeschichte in den Fingern bei der Hausärztin gewesen. Diagnose: Raynaud-Syndrom. "Kein Ding", hat sie gemeint, "ist nicht gefährlich. Musiker mit starker Fingerbelastung bekommen das gelegentlich." Dann gab's noch ein bisschen Geschimpfe, warum ich meine, bei minus 15 Grad ohne adäquates Handschuhwerk mit dem Rad fahren zu müssen, und bei meinen Winzpfötchen wäre statt einer den ganzen Armapparat schwer belastenden Bratsche vielleicht eine Triangel als adäquates Instrument angebracht. Ne, keine Bange, meine Hausärztin und ich verstehen uns blendend. Sie war ein paar Jahre in Südafrika ehrenamtlich tätig, und wenn man dann zurückkommt und das therapieren soll, was der durchschnittliche Bayer unter krank versteht (aber bitte mit Apothekenrezept und vier Wochen krankschreiben), kann ich schon verstehen, dass man dann gelegentlich etwas sarkastisch wird. Beim (primären) Raynaud-Syndrom ist (durch irgendeine Nervengeschichte in der Hand) die Temperaturschätzung des Körpers in den Kapillargefäßen der äußersten Extremitäten gestört; bei der geringsten Abkühlung werden dann sofort Mechanismen in Gang gesetzt, die eigentlich für arktische Kälteeinbrüche reserviert sind, was etwas befremdlich, manchmal unangenehm bis gelegentlich schmerzhaft ist. Meistens löst sich das Ganze nach zwei, drei Minuten wieder. Wenn die Intervalle länger werden, soll ich wiederkommen, dann gibt's Tabletten (aber nur dann). Jetzt hab ich also hin und wieder Zombiefingerchen. ;-) Das nächste Mal mach ich ein Foto, es sieht wirklich gruselig aus.
Also ein weiterer Grund, sich zu freuen, dass heute die Sonne geschienen hat und es (bestimmt gleich) endlich Frühling mit einhergehenden milderen Temperaturen wird. Das überzeugenste Argument ließ sich diesen Abend im Ahornbaum vor meinem Mansardenfenster nieder: Endlich endlich sind wieder diese lichtblauen Abende mit Amselrichgesang da.

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