Sonntag, 17. Juni 2012

estern nacht bin ich von einer Exkursion meines Germanistik-Seminars aus Italien zurückgekehrt, die ich, eigenbrötlerisch und schüchtern wie ich bin, vor ca. 72 Stunden mit dem Gedanken antrat "Hm, ja, du kennst niemanden, niemand kennt dich, genieß die Kulturinfusion, halt dein Referat, und bring's ansonsten schnell hinter dich." Binnen Stundenfrist war ich dank der Intimität eines altmodischen Zugabteils der ÖBB Teil eines eingeschworenen Rudels, dessen einzelne Mitglieder jedes so verblüffend kauzig und individuell war wie das Team Harry Potter (und die Zugfahrt wie der Hogwarts-Express): die pumpstragende Flaneuse und Kunsthistorikerin, die zu jeder Lebenssituation eine mit rauchiger Stimme vorgetragene zynische Bemerkung wie Säure hatte. Die feenartig alabasterweißockerblondgrünäugige Mediävistin mit einer selbstironischen Vorliebe für Cradle of Filth und einer Hyper-Sonnenallergie, die sie zwang, sich ab einem UV-Index von 4 fröhlich halluzinogene Medikamente einzuschmeißen. Die in der finnischen Einöde groß gewordene und von allen möglichen Altergebrechen wie Rheuma und Osteoporose heimgesuchte HiWi-in eines der begleitenden Professoren, die mit dem lispelnden 1,89m-100kg-Hünen-HiWi des anderen begleitenden Professors zusammen war - joah, und ich. Alsbald zugesprochene special force: ein sicheres Gespür für Kontinuitätslinien kulturellen Weltwissens und Italienisch-Kenntnisse ;-). Die Kunsthistorikerin kannte ich flüchtig von einem anderen Seminar anderthalb Jahre zuvor, und der Freund der Mediävistin war auch mal in einem theaterwissenschaftlichen Kurs mit mir, was insgesamt Grund genug war, mich im proppenvollen Zug über die Alpen in ihr Abteil zu setzen und erst mal schüchtern in eine Ecke zu klemmen - fürderhin waren wir alle unzertrennlich.
Das allein war schon absonderlich genug. Ich habe es nie zuvor erlebt, dass sich derart unterschiedliche und extrem individuelle Menschen in einer solch raschen Gruppendynamik zusammengefunden und dabei in gegenseitigem Respekt für die speziellen Fähigkeiten der anderen so prima harmoniert haben. Was dem ganzen aber noch die Krone aufsetzte, war die Tatsache, dass wir in unserer ziemlich rasch ausbrechenden lautstarken Heiterkeit zwischen wirklich dämlichen Witzchen über die Wiener Würstchen im Reiseporviant und der Diksussion um Kulturtraditionen bei Biene Maja erstaunlich schnell allgemeiner Gegenstand des Neides und Hasses der restlichen 0815-feinbürgerlichen Lehramtsstudentinnen mit Namen wie Anna Sophia und Lena Amalia (die sich entweder zu Tode langweilten, versuchten, die Aufmerksamkeit der Professoren zu erhaschen, oder halbherzig Mittelstufen-Zickenterror praktizierten) wurden, was sich noch potenzierte, als auch der allgemein begehrtere der beiden Dozenten begann, zunehmend Tendenz zu unserer Rotte zu entwickeln, weil hier einfach die interessanteren und zwangloseren Gespräche stattfanden - frei nach dem Motto "Join the dark side - we have intellektuelle Würstchenwitze". Da gab es dann, nachdem man uns geistig nicht zu schlagen vermochte, alles vom kollektiven Augenverdrehen bis zum betont abfälligen Mustern der eignen etwas schlampig-unbekümmerten Garderobe - als souveräne Meta-Beobachter amüsierten wir uns köstlich darüber. Ich hielt in einem wunderwunderschönen kleinen italienischen Bergdorf ein Referat und wäre wahrscheinlich, wenn Blicke töten könnten, auf der Stelle entseelt zu Boden gesunken, weil die sonst übliche vernichtend rigorose Disputatio ausblieb und beide Professoren statt dessen für den "sehr schönen Beitrag und Ihre konstruktive und unprätentiöse Art der Interpretation" dankten. Im Anschluss separierten wir uns und kundschafteten, wobei der begehrtere Dozent sich mit beinahe flehentlichem Gesichtsausdruck zu uns gesellte und alle anderen mit der plastikbestuhlten Touristenfalle auf der Hauptpiazza Vorlieb nahmen, eine herrliche winzige Enoteca unter Olivenbäumen mit Blick über ein weinbaugeprägtes Tal aus, wo mit Weißwein und Aperol der heitere Einklang begossen wurde. Wir sprachen über die unsinnige Normativität der Postmoderne in Literatur und Drama und welche Aufklärungsbücher jeder in der Kindheit hatte - joah, was man halt an der Uni so bespricht. :-D Auf der Rückreise waren wir dann nicht mehr zu fünft sondern zu sechst im Abteil - sowie eine Flasche Veltliner, Würstchen mit Charakter, Essiggürkchen und eine Tüte Öko-Kekse. Ich bin jetzt noch heiser vom Lachen.
Es war viel zu schnell vorbei und wunderwunderschön. Es war deswegen so wunderschön, weil ich bis dahin gedacht hatte, ich fände deswegen seit drei Jahren keine Freunde an der Uni, weil ich eine überhebliche und von der eigenen eingebildeten Genialität eingenommene Misanthropin sei, aber jetzt weiß ich: mich trifft keine Schuld, die anderen sind wirklich so blöd. ^^ Nächste Woche ist Nachbesprechung, anschließend die etwas informellere Nachbesprechung der Nachbesprechung ;-) Im Herbst wollen wir fünf (vielleicht sechs, wenn der Prof seine Andeutungen wahrmacht) zusammen nach Venedig. Ich freu mich.

Die absolute Unbekümmertheit italienischer Wissenschaftler mit Handschriften aus dem 13. Jahrhundert - in Deutschland gäbe es für diese Szene Haftstrafe

Petrarca mit Hündchen, sinnend

Julias Balkon in Verona - eine absolut getötete und überbewertete Touristenattraktion

L'Enoteca - die Olivenhainterasse im rückwärtigen Hof des Gebäudes

...und wir. :-)




1 Kommentar:

  1. Das klingt wirklich herzerfrischend und seeleerquickend. =)

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