Freitag, 3. Juni 2011

nglaublich, wie die Zeit rast. So viel ist den Mai über passiert, und jetzt haben wir schon Juni, der Sommer ist faktisch da, nur ich fühle mich ein bisschen schizophren und wie im Dauerschwebezustand, nicht weil alles so herrlich ist, dass man den Bodenkontakt verliert, sondern weil die aktuellen Lebensumstände allgemein einen derart transformatorischen Charakter haben, dass man jeden Tag mit weiteren Umwälzungen rechnet. Ich nehme an, das ist völlig normal, wenn man so halbe von zu Hause ausgezogen ist (ja, früh sind wir dran). Mittlerweile ist das Münchner Zimmer den ersten Monat bewohnt und man findet langsam in den Rhythmus einer Großstadt hinein, soll heißen, nicht mehr aufschrecken, wenn die Tram vorbeidonnert, jeden Tag auf dem Fahrradweg zur Uni dem Tod ins Auge sehen und sich allgemein mit der nervenaufreibenden Tatsache abfinden, dass alles jederzeit voller Menschen und Autos ist, völlig wurscht ob 12 Uhr mittags oder 2 Uhr früh, und man als erwiesenermaßen geistesgestört gilt, wenn man mal fragt, wo es hier ein ruhiges Plätzchen geben könnte. Die Leute kommen vermutlich nach München, weil sie an ruhigen Plätzchen ihre eigenen Gedanken zu laut hören. Das ist der Preis, den man zahlen muss für eine der größten Bibliotheken Europas, für mit die besten Theater in Deutschland, für Ausstellungen und Kulturereignisse ohnegleichen. Man kann allerdings auch von geistiger Erbauung besoffen werden.
Deswegen bin ich froh, dass mein Flüggewerden nur ein halbes ist, und ich theoretisch jederzeit, realiter jedes Wochenende, in das "neue" Zuhause fahren darf, das gerade deswegen noch ein bisschen schwer als eigentliches zu Hause erkennbar ist. Man muss es ganz ehrlich sagen, dieses 6000-Seelen-Kaff ist eine frecklige CSU-Hochburg voll ignoranter, misstrauischer, erzkonservativer Kleinbürgerseelen, die allesamt einem Spitzweg-Gemälde entsprungen zu sein scheinen. Das Kontrastprogramm zu München ist damit auch nur ein scheinbares, weswegen mir der allwöchentliche Bruch nicht allzu schwer fällt und ich umso mehr Zeit habe, die Landschaft zu genießen, die allerdings traumhaft ist, noch mehr ursprüngliches Wald- und Wiesenland als in Ingolstadt, eine echte Stille, die mittags über den Äckern hängt und nur manchmal durchbrochen wird, wenn irgendwo im Dunst ein Bussard schreit. Wenn man am Bahnhof, soll heißen, einem einsamen Gebäude aus den 30ern an einem noch einsameren Gleis zwischen einem Holunderdickicht und einer verlassenen Koppel, aussteigt, muss man erst mal knapp fünf Kilometer einem Feldweg entlang eines rasch dahinströmenden Flüsschens (die Kleine Donau) folgen, ehe man in das eigentliche Städtchen gelangt, das auch so aussieht, als hätte man die Asphaltstraße erst letzten Montag erfunden und wäre bis dahin noch mit Pferdewagen zur Kirche gefahren. Also, wie gesagt, wenn man mit den Leuten nicht allzuviel reden muss, ist es absolut herrlich. Auch das Haus öffnet sich uns langsam, erst hat es sich gesträubt wie ein Hofhund, dessen letzter Herr vor Jahren gestorben ist, aber Zug um Zug gewinnen wir Wohnraum dazu und entdecken Ecken, die vorher ganz unscheinbar aussahen und sich jetzt als Rückzugsorte mit großer poetischer Kraft entpuppen. Am liebsten gehe ich aber abends die drei Minuten durch das mittelalterliche Stadttor auf die Brücke über die (richtige) Donau und sehe zu, wie sie ruhig von West nach Ost fließt. Und nach dieser Meditation sind auch der ganze Lärm und Verkehr, die Menschenmassen, die allgemeine Enge und das ständige Gefühl des Beäugt-Werdens vergessen und abgefallen. Denn so etwas Kleinliches, Menschliches hat einfach nicht Bestand vor diesem urgewaltigen Fluß, der sich mit der gezähmten, hübsch hergerichteten Isar nicht vergleichen lässt. Insofern bleibe ich zwar weiterhin ein bisschen schizophren - aber das ist gar nicht mal so schlecht.


Kommentare:

  1. Das kann ich gut nachvollziehen, dass man beim Anblick des Wassers vieles treiben lässt ... lass dich vom Großstadttrubel nicht unterkriegen - oder von der CSU Fraktion ;)

    AntwortenLöschen
  2. Wenn Du zwischen Kultur und Natur die für Dich passende Balance finden und aufrechterhalten kannst, ist das doch echt schön. :) Mein Kulturschock war ein ähnlicher - von einem Dorf mit 4-stündlicher Busanbindung und Sandstraßen (Ja, von Asphalt haben wir nichtmal geträumt damals) mitten im Wald nach Wien. Aber bei mir überwog die Faszination damals, ich habe die Natur erst später zu vermissen begonnen.
    Versuch es zu genießen oder Dich wenigstens in weiteren wunderbar bissigen Blogposts abzureagieren. =)

    AntwortenLöschen