Sonntag, 14. August 2011

erade kann sich das Wetter nicht zwischen mächtig aufgeplustertem Sommergewitter und sanft-freundlichem Abendsonnenschein entscheiden, weswegen ich jetzt auch vorm Laptop in der Stube und nicht in Frodo-Manier draußen unter irgendeinem Baum sitze wie es sich gehört. Also kleiner Wochenendrückblick, stibitzt bei Amala, bis sich das Wetter entschieden hat.
Wetter (harhar): öhm, freundlicher bis hochsommerlich drückend werdend, gerade etwas verwirrt.
Gemacht: erfolgreich letzten Arbeitstag im Sklaven- äh, Einzelhandelstudentennebenjob absolviert. Ausgiebige Badezimmersessions mit vieeel Gedufte und Geöle - einfach mal wieder nett zu sich selbst sein.
Gehört: Die Giordani - Vertonung des Gedichts "Caro mio ben" im Vortrag von Cecilia Bartoli und Jean-Yves Thibaudet. Ja, nicht ganz das Richtige bei Liebeskummer, aber sooo tröstliche Musik.
Gelesen: Ein weniger gutes Buch: Garou von Leonie Swann (Glennkill war vieeeel besser!). Ein sehr gutes Buch: Schweigeminute von Siegfried Lenz. Ich gebe es zu, auf den letzten vier Seiten hab ich Rotz und Wasser geheult. Was schon lange nicht mehr bei einem Buch vorgekommen ist.
Getrunken: Mineralwasser, Kräutertee, Kaffee in absteigender Reihenfolge
Gegessen: Schafkäsebrot mit Tomaten. Unglaublich guten Zucchinikuchen meiner Oma. Gefüllte Paprika mit Tomatensoße. Die Tomaten (und die Zucchini) sind aus dem Schrebergarten meines Großvaters, an einem Ort, wo die Erde schwarz und das Gras smaragdgrün ist. Diese Tomaten sind riesig, ihre Haut duftet, wenn man sie in die Hand nimmt, und sie schmecken melonig süß.
Gedacht: "Noch 20 Stunden, dann muss ich hier nie wieder arbeiten...noch 12 Stunden, dann muss ich hier nie wieder arbeiten...noch vier Stunden, dann muss ich hier nie wieder arbeiten...oh Gott sei Dank, ich muss hier nie wieder arbeiten!"
Gelacht: mit meinem Zwillingsbruder, dieser zweiten Hälfte unserer ganzen Seele.
Geärgert: über schubsende und drängelnde Leute
Gelernt: Waschen mit unglaublich lecker bedufteter Naturseife macht viel mehr Spaß und viel tollere Haut als olles Duschgel.
Gekauft: noch mehr Seifchen von olivia-seife.de (ganz schrecklich, macht süchtig und arm!)
Spirituelles: Den Vollmond angestaunt. Ein paar Räuchermischungen aufgefüllt. Geflötet. Schön geträumt.
Und sonst so: plötzlich ganz verrückt nach dem Duft von Sandelholz. Bedeutet das irgendetwas?
Ausblick auf nächste Woche: Nach München fahren, Bücher aus der Unibibliothek abholen, nachsehen, ob in der Studentenbude alles in Ordnung ist, Dozentensprechstunde aufsuchen, Texte kopieren, endlich mit der blöden Seminararbeit anfangen. Mit Mama schwimmen fahren. Krempel auf eBay einstellen. Ganz für sich sein, anstrengende Mitmenschen wird man im Herbst wieder mehr als genug haben.

Montag, 8. August 2011

J. W. Waterhouse, Windflower
... und auf den Fluren lass die Winde los..." Der Satz ist Teil eines Herbstgedichts von Rilke. Nicht dass wir's beschwören wollen, aber heute war wirklich so ein Windstag, bei dessen Temperaturen und Böen man den Eindruck hatte, der Sommer würde jetzt endgültig über die abgeernteten Felder hinfortgeweht wie eine kleine weiße Feder. Ich hoffe ja immer noch, dass wir noch ein paar schön-warme Tage bekommen, damit man vielleicht auch mal die hiesigen Weiher erkunden gehen kann.
Das war Punkt eins auf der Ferienliste noch zu erledigender Dinge (ja, an Lammas gibt es immer so eine Liste). Der zweite Punkt betrifft das Abfassen einer adäquaten Hausarbeit und gestaltet sich etwas schwierig, weil das einmal beschlossene Thema nach Neubewertung der Fachliteratur leider etwas harsch umgekrempelt werden muss. Zum Glück kommt einem das Wetter da entgegen, das einen gerade ja eher zu kuscheliger Sofa- oder allenfalls Gartenlektüre denn hektischen Sommeraktivitäten einlädt.
Punkt drei betrifft die hohe Liebe, die ich noch Ende Juni ganz euphorisch hier besungen hatte, natürlich völlig blind für die geradezu konsequent durchgezogene Dramaturgie, dass das zitierte Gedicht über Amors Pfeil von Gottfried August Bürger eine recht perfide Dialektik enthält, deren Waagschalen sich zum Guten oder Schlechten senken können. Wie gemein, sie senkten sich zum Schlechten. Auch das ist eine Qualität des Schnitterfestes, sich schmerzhaft aber sauber von quälenden Dingen lösen zu können, aber die Enttäuschung, blindlings auf die nicht ernst gemeinten und unverbindlich gedachten Vereinnahmungen durch einen anderen hereingefallen zu sein, ist natürlich nichts, was man von einem Tag auf den anderen ablegt. Ich habe am ersten August eine Getreideähre gepflückt; jeden Abend gehe ich zur Donau und werfe ein Korn ins Wasser. Wenn die Ähre kahl ist, soll ich wieder leichthin fröhlich und befreit von traurigen Gedanken sein, so habe ich es beschlossen. Wie schön, dass wir Rituale abhalten dürfen, äußere Zeichen für unsere haltlose innere Welt, die es uns erlauben, wirklich etwas zu tun, um abstrakte Vorgänge zu begreifen und abzuarbeiten. Das ist wunderbar. He, andere Leute müssen dafür einen Therapeuten bezahlen. ;-)

Ich hoffe ihr hattet ein schönes Lammasfest. Meines war ernst, aber richtig und entwicklungsfördernd. Gut so.


Donnerstag, 30. Juni 2011


Ach, die Liebe... Smilie by GreenSmilies.com

Freitag, 3. Juni 2011

nglaublich, wie die Zeit rast. So viel ist den Mai über passiert, und jetzt haben wir schon Juni, der Sommer ist faktisch da, nur ich fühle mich ein bisschen schizophren und wie im Dauerschwebezustand, nicht weil alles so herrlich ist, dass man den Bodenkontakt verliert, sondern weil die aktuellen Lebensumstände allgemein einen derart transformatorischen Charakter haben, dass man jeden Tag mit weiteren Umwälzungen rechnet. Ich nehme an, das ist völlig normal, wenn man so halbe von zu Hause ausgezogen ist (ja, früh sind wir dran). Mittlerweile ist das Münchner Zimmer den ersten Monat bewohnt und man findet langsam in den Rhythmus einer Großstadt hinein, soll heißen, nicht mehr aufschrecken, wenn die Tram vorbeidonnert, jeden Tag auf dem Fahrradweg zur Uni dem Tod ins Auge sehen und sich allgemein mit der nervenaufreibenden Tatsache abfinden, dass alles jederzeit voller Menschen und Autos ist, völlig wurscht ob 12 Uhr mittags oder 2 Uhr früh, und man als erwiesenermaßen geistesgestört gilt, wenn man mal fragt, wo es hier ein ruhiges Plätzchen geben könnte. Die Leute kommen vermutlich nach München, weil sie an ruhigen Plätzchen ihre eigenen Gedanken zu laut hören. Das ist der Preis, den man zahlen muss für eine der größten Bibliotheken Europas, für mit die besten Theater in Deutschland, für Ausstellungen und Kulturereignisse ohnegleichen. Man kann allerdings auch von geistiger Erbauung besoffen werden.
Deswegen bin ich froh, dass mein Flüggewerden nur ein halbes ist, und ich theoretisch jederzeit, realiter jedes Wochenende, in das "neue" Zuhause fahren darf, das gerade deswegen noch ein bisschen schwer als eigentliches zu Hause erkennbar ist. Man muss es ganz ehrlich sagen, dieses 6000-Seelen-Kaff ist eine frecklige CSU-Hochburg voll ignoranter, misstrauischer, erzkonservativer Kleinbürgerseelen, die allesamt einem Spitzweg-Gemälde entsprungen zu sein scheinen. Das Kontrastprogramm zu München ist damit auch nur ein scheinbares, weswegen mir der allwöchentliche Bruch nicht allzu schwer fällt und ich umso mehr Zeit habe, die Landschaft zu genießen, die allerdings traumhaft ist, noch mehr ursprüngliches Wald- und Wiesenland als in Ingolstadt, eine echte Stille, die mittags über den Äckern hängt und nur manchmal durchbrochen wird, wenn irgendwo im Dunst ein Bussard schreit. Wenn man am Bahnhof, soll heißen, einem einsamen Gebäude aus den 30ern an einem noch einsameren Gleis zwischen einem Holunderdickicht und einer verlassenen Koppel, aussteigt, muss man erst mal knapp fünf Kilometer einem Feldweg entlang eines rasch dahinströmenden Flüsschens (die Kleine Donau) folgen, ehe man in das eigentliche Städtchen gelangt, das auch so aussieht, als hätte man die Asphaltstraße erst letzten Montag erfunden und wäre bis dahin noch mit Pferdewagen zur Kirche gefahren. Also, wie gesagt, wenn man mit den Leuten nicht allzuviel reden muss, ist es absolut herrlich. Auch das Haus öffnet sich uns langsam, erst hat es sich gesträubt wie ein Hofhund, dessen letzter Herr vor Jahren gestorben ist, aber Zug um Zug gewinnen wir Wohnraum dazu und entdecken Ecken, die vorher ganz unscheinbar aussahen und sich jetzt als Rückzugsorte mit großer poetischer Kraft entpuppen. Am liebsten gehe ich aber abends die drei Minuten durch das mittelalterliche Stadttor auf die Brücke über die (richtige) Donau und sehe zu, wie sie ruhig von West nach Ost fließt. Und nach dieser Meditation sind auch der ganze Lärm und Verkehr, die Menschenmassen, die allgemeine Enge und das ständige Gefühl des Beäugt-Werdens vergessen und abgefallen. Denn so etwas Kleinliches, Menschliches hat einfach nicht Bestand vor diesem urgewaltigen Fluß, der sich mit der gezähmten, hübsch hergerichteten Isar nicht vergleichen lässt. Insofern bleibe ich zwar weiterhin ein bisschen schizophren - aber das ist gar nicht mal so schlecht.


Mittwoch, 27. April 2011


as ist mein Umzugskarton für das Studienzimmer in München. Also zumindest die Bücherkiste. Ja, ein Koffer mit Kleidung gehört auch noch dazu; auch wenn es durchaus passend wäre, aber ich gedenke mich dort nicht nur in Reclam-Heftchen zu hüllen, um zur Vorlesung zu gehen. ^^ Und die Bratsche werde ich auch mitnehmen, vielleicht findet sich ein Orchester mit Bedarf und nicht gar so hohen Anforderungen, und ich kann endlich wieder im Ensemble musizieren.
Tja, mitterweile leben wir alle zwischen lauter Umzugskartons und unvollständigen Möbelgruppen, was, weil sich der eigentliche Umzug von A nach B (und C in meinem Fall) wegen der Baustelle noch verzögert, eine dauerhafte Atmosphäre der Auflösung und Schwebe etabliert hat, ein Zustand, der uns "Kinder" nicht so sehr bekümmert, aber meinen Eltern spürbar an den Nerven zehrt. Wer zieht schon gerne um? Mit Haus und Firma? Dieses Haus ist zum Schluss wie ein Magen-Darm-Kranker gewesen, dem man ein starkes Brechmittel verabreicht hat, so dass es seit Monaten am, entschuldigung, Dauerkotzen ist, Schutt, Staub, Metall, Holzverkleidungen, Drähte, Leitungen, Rigipstrümmer, Papier, zerschlissene Möbel, alte Türen, und immer wieder zusammengeschrumpelte Tiermumien vom Dachboden, Mäuse, Ratten, Fledermäuse, besagte Katze, Tauben und eine Schleiereule. Der Reinigungseffekt ist famos, man spürt regelrecht, wie es sich bei jeder Fuhre Müll, die wir abstransportieren, ein Stückchen mehr aufrichtet und freier atmet. Aber bis daraus mal ein Heim wird und die Baustelle ganz verschwunden ist, bis quasi mit uns die Hausgeister angekommen sind und man von "Zuhause" sprechen kann: bis dahin wird es wohl noch ein Weilchen dauern.



Aber wenn ich's mir so ansehe, dieses große Haus in einem Städtchen, wie es von Hayao Miyazaki nicht putziger hätte entworfen werden können (wartet nur, bis ich hier Fotos von den bayerischen Freskenmalereien an manchen Bürgerhäusern am Marktplatz poste), dann denke ich, dass dies ein Ort sein wird, an den man gerne zurückkehrt. :-)
So, ich hoffe ihr hattet ebenso schöne, sonnige und erholsame Ostertage wie ich. Der nächste Blogeintrag wird wahrscheinlich ein Weilchen auf sich warten lassen, weil demnächst hier der Telefonanschluss abgestellt wird. Bis denne mal!

Donnerstag, 7. April 2011

löte spielen kann in eine Sammlerleidenschaft führen: Mittlerweile ist bei mir die zweite Flöte aus den Händen von David Angus aus Nordirland eingetroffen, dieses Mal, weil ich nicht so viel Geld ausgeben wollte für ein Instrument, das mir möglicherweise zu groß ist, eine recht günstige in D gestimmte Querflöte aus Aluminium, stolze 60 cm lang und mit dem Charme eines - nun ja, ziemlich dicken Alu-Rohres halt. Das gute Stück lässt sich mit meinen kleinen Pfötchen gerade noch so spielen, aber dafür klingt sie trotz der Umgewöhnung auf größere Grifflochabstände und ein ziemlich großes Blasloch schon wunderwunderschön. Sehr irisch und tief, das tiefe D bringt, wenn man es erwischt, den gesamten Brustkorb zum Vibrieren und klingt voll und kräftig wie eine Kirchenglocke. Wie gesagt, wenn. Aktuell ist alles noch recht heiser.
An dieser Stelle muss ich unbedingt etwas weiter ausholen und eine Biographie ans Tageslicht zerren, die trotz ihrer innigen Verbindung mit irischer Volksmusik kaum Erwähnung findet: Die von Turlough O'Carolan nämlich, dem begnadeten blinden Harfenspieler aus dem 17. Jahrhundert, der den rauen Klang irischer Volksstücke mit der Eleganz höfischer Barockmusik sehr gekonnt vereinte und auf den viele noch heute bekannte Stücke zurückgehen.
1670 im County Meath geboren, erkrankt O'Carolan im Alter von 18 Jahren an Pocken und erblindet. Seine Eltern sind einfache Bauern, die von der Familie MacDermot Roe of Alderford House gepachtetes Land bearbeiten. Die Hausherrin, die den Jungen schon zuvor unterrichtet hat, ermöglicht ihm aus Mitleid und damit er auch später ein halbwegs vernünftiges Auskommen hat, eine Ausbildung zum Harfenspieler. Zu dieser Zeit sind Harfenspieler in Irland wandernde Rhapsoden, die zwischen Dorffesten und Herrenhäusern umherziehen und die Bewohner mit Musik und Geschichten unterhalten. Weil O'Carolan schon zu alt und zudem blind ist, beherrscht er das Instrument zeit seines Lebens nicht wirklich, und verlegt sich deswegen auf's Komponieren, worin er dafür um so größeres Talent zeigt. Im Alter von 21 Jahren bekommt er von Mrs. MacDermot Roe ein Pferd und einen Führer und wird in die Welt hinausgeschickt, sein Glück zu machen.
In den folgenden 50 Jahren durchreist O'Carolan Irland von Ost nach West und Süd nach Nord, komponiert Lieder und spielt seine Harfe auf Jahrmärkten, in den Hallen vornehmer Landschlösser, in Bauernhäusern und Kirchen. Schon bald ist sein Ruhm so groß, dass man Begräbnisse und Hochzeiten so lange verschiebt, bis der Harfenspieler eintrifft, um das Ereignis musikalisch zu begleiten. Die ihm entgegengebrachte Gastfreundschaft insbesondere der reicheren Oberschicht dankt O'Carolan mit "Planxties", ein Wort, das er selbst erfunden hat. Ein Planxty ist eine kleine musikalische Zueignung, die einer bestimmten Person gewidmet ist und ihren Namen trägt. Von den über 200 Liedern, die man ihm zuschreibt, sind mehr als dreiviertel solche Planxties, die damit auch die Namen ihrer Eigentümer und womöglich ihren Charakter, ihre Lieblingsmelodie, ihre Eigenarten musikalisch bis heute überliefert haben.
Reich wird O'Carolan mit seiner Musik zwar nicht, aber 1720 reicht es für ein kleine Cottage mit etwas Land und eine Heirat mit Mary Maguire. O'Carolan ist zu diesem Zeitpunkt 50 Jahre alt, das Alter seiner Braut ist unbekannt. Leicht wird die Ehe nicht gewesen sein, zumal O'Carolan weiter umherreist, trinkt und spielt. Mary schenkt ihm sieben Kinder, sechs Töchter und einen Sohn, und stirbt 13 Jahre später. O'Carolan schreibt eine (unvertonte) Elegie für sie, 1738 fühlt er sich selber krank und kehrt nach Alderford House zurück. Das letzte Planxty, das er komponiert, ist dem Kammerdiener gewidmet, der ihm seinen letzten Drink bringt. O'Carolan stirbt am 25. März 1738 und wird in der Familiengruft der MacDermot Roes beigesetzt.
O'Carolan hat nur wenige seiner Kompositionen niedergeschrieben. Erst 1958 wird das gesamte Werkkompendium in einem Band gedruckt. Dass O'Carolans Musik bis dahin nicht in Vergessenheit geriet, verdankt man der besonderen Achtsamkeit für die mündliche Weitergabe auf der Insel, in der ein Musikstück durch Zuhören gelernt und so durch die Jahrhunderte unter Fiddleplayern, Harfenspielern und Flötisten die Runde macht. Dazu gehört auch die folgende sicher bekannte Melodie, das Planxty "Eleanor Plunkett". Wie immer mit Augenschmausfotos von irishviews.com, diesmal aus dem County Down, wo auch mein Aluknüppel herkommt. :-)

Sonntag, 3. April 2011

o überstürzen sich die kleinen, privaten Ereignisse: mit einem Mal ist der Frühling, man möchte sagen, mit voller Wucht eingetroffen, nach fünf Semestern absolut erfolgloser Sucherei ließ sich plötzlich innerhalb von einer Woche eine komplette Studentenbude zum unglaublich günstigen Preis organisieren, in der Arbeit läuft alles gelinde gesagt prima, aus den unwahrscheinlichsten Ecken kommt genau dann, wenn ich es brauche, ein kleiner Geldbonus, und alles in allem zeigt sich das Leben von seiner rosigsten Seite. Meine Güte, heute ist sogar der 119. Jahrestag der Eisbechererfindung, das macht schon fast misstrauisch. Irgendwie hab ich Angst, für dieses Seidenbettdasein in nächster Zeit die bittere Zeche zahlen zu müssen, auch wenn das Leben nicht immer (aber immer öfter) wie ein attisches Drama funktioniert. Bei all den Schreckensmeldungen der Tagesschau wie in Japan, Libyen der Elfenbeinküste scheint uns simples, einfaches, funktionierendes Wohlsein schlicht zu überfordern oder gar zu beschämen, gerade so als hätten wir's nicht verdient.
Bei solchen Gelegenheiten, wenn alles zu gut oder vor allem zu schlecht ausschaut, muss ich mein ganz persönliches Mantra hervorkramen, ein Satz, der irgendwie mäßigend, beruhigend, nivellierend wirkt und Gefühle wie Angst, Misstrauen und Wut sofort in milde Gelassenheit verwandelt.

"We are such stuff as dreams are made on,
and our little life is rounded with a sleep."

Na, wer hat's erfunden? ;-) Eine echte Zauberformel, dreimal aufgesagt und schon ist alles gut. Und jetzt hol ich mir noch einen Becher Vanilleeis.

Mittwoch, 23. März 2011

Feentor

Heute auf dem Heimweg im Wald gefunden.
Ich wünsch euch einen wunderschönen Frühling! :-)

Sonntag, 20. März 2011

Lunatic at Kells

abt ihr euch gestern Nacht auch den Vollmond angesehen? Bei uns hat sich mit Beginn der Nacht zum Glück die Wolkendecke aufgelöst, so dass der Mond in seiner ganzen Pracht über einen blanken, sternenschimmernden Nachthimmel ziehen konnte. Leider hatte ich nicht ganz so viel Sinn dafür entwickeln können, weil's im Haus, eingedenk der Tatsache, dass zum Beispiel die klugen Engländer jemanden Verrücktes immer noch als "lunatic" bezeichnen, so richtig sinnlos aber laut gekracht hat. Im Nachhinein (soll heißen nach einem warmen, sonnenerfüllten Sonntag mit Büchern und Tee) denke ich, dass dies eine notwendige und wichtige Entladung gewesen war, die viele aufgestaute Frustrationen und Ängste lösen konnte, aber gestern Abend war ich natürlich ziemlich erschrocken und traurig, außerdem hasse ich schon im Vorfeld den Morgen nach solchen scherbenerfüllten Familienstreitereien. Jetzt ist aber alles wieder gut. Wir belieben uns lautstark zu streiten, das macht das Balkanblut, aber ebenso schnell verraucht die Glut auch wieder und was nach so einer waldbrandartigen Raserei übrig bleibt, lässt Raum für neues Wachstum.
Die Vegetationsmetaphern hat mir ein Film eingeimpft, den ich schon seit längerem empfehlen wollte, und zwar The Secret of Kells, die Art von Zeichentrickfilm, die man sich nach dem ersten Anschauen sofort auf die imaginäre Liste der Medien setzt, welche man später mal seinen Kindern zeigen möchte. Erzählt wird die (erfundene) Geschichte um die Entstehung des Book of Kells im 9. Jahrhundert in Irland aus der Sicht des Waisen und Novizen Brendan, dessen Onkel Cellach der Abt von Kells ist und die wahnlastige Idee hat, die Siedlung und das Kloster durch eine große Mauer vor den drohenden Wikingereinfällen zu schützen. Bald trifft ein Mönch namens Aidan in Kells ein, der vor den Wikingern von der Insel Iona nach Irland fliehen musste, und neben einer seeehr charaktervollen weißen Katze namens Pangur Bán ein unvollendetes Buch dabei hat, dessen herrliche Illustrationen, die vom berühmten Heiligen Colum Cille (besser bekannt als Saint Columban) begonnen worden sind, in der Lage sein sollen, das Böse zu besiegen und Dunkelheit in Licht zu verwandeln. Aber Aidan ist bereits zu alt um das Buch zu vollenden und spannt Brendan, der über einen wachen Verstand und viel Imaginationskraft verfügt (manchmal hat er Visionen), gegen den Willen des Onkels ein. Brendan verlässt auf Aidans Geheiß hin Kells auf der Suche nach Galläpfeln, um grüne Pigmenttinte herstellen zu können, und trifft in den unheimlichen Tiefen des Waldes auf Aisling (sprich äschling), eine Tuath de Dannan in Gestalt eines weißhaarigen Mädchens. Aisling, die manchmal die Gestalt eines weißen Wolfes annimmt, rettet Brendan nicht nur das Leben und zeigt ihm, wo er in ihrem Wald die Galläpfel finden kann, sondern warnt ihn auch vor den Menhiren und Hügelgräbern, in denen eine dunkle Entität zu Hause zu sein scheint.
Zurück in Kells lernt Brendan von Aidan die Kunst der Illumination und emanzipiert sich zunehmend von seinem dominanten und vom Mauerbau besessenen Onkel. Als die Nachricht eintrifft, dass die Wikinger in Irland auf dem Vormarsch sind und das Buch nicht fertig zu werden droht, vertraut Aidan Brendan an, dass er die feinziselierten und winzigen Illustrationen nur durch einen kaleidoskopartig vergrößernden Kristall, bekannt als "Colum Cille's third eye", ausführen konnte, der aber bei der Flucht von Iona zerstört wurde. Brendan erkennt in Aidans Beschreibungen und seiner Bemerkung, dass Colum Cille den Kristall im Kampf mit dem irischen Unterweltgott Cromm Gruach errungen hat, einen Gegenstand aus seinen Visionen wieder und kehrt mit der nur widerstrebend folgenden Aisling zu den Hügelgräbern zurück. Im Kampf mit Cromm Cruach reißt Brendan ihm ein Auge aus, das den Kristall darstellt, verliert aber Aisling, die sich nun nicht mehr in einen Mensch verwandeln kann und als weiße Wölfin in den Wäldern verschwindet. Brendan kehrt nach Kells zurück und vermag nun die unglaublichen Illustrationen im Buch auszuführen. Aber sein Onkel, der Abt Cellach, verärgert über die Abwendung seines Neffen von seinen Idealen, zerreist die ersten gelungenen Illuminationen und sperrt Brendan und Aidan im Skriptorium ein. Wenig später greifen die Wikinger Kells an, töten alle Einwohner, die sich nicht in den zentralen Turm des Klosters retten können, setzen die Siedlung in Brand und verletzen Cellach schwer. Brendan und Aidan können mit Aislings Hilfe entkommen, ziehen sich in eine Einsiedelei fernab in den Wäldern zurück, vollenden das Buch und reisen in den folgenden Jahren durch Irland, um mit seiner Hilfe die Menschen gewaltfrei zum Christentum zu bekehren. Erst als erwachsener Mann kehrt Brendan mit Pangur Bán nach Kells zurück, begegnet noch einmal Aisling in Gestalt der Wölfin und kann endlich mit seinem greisen Onkel Frieden schließen. Zu diesem Zeitpunkt wird das Book of Kells tatsächlich geöffnet und der Zuschauer sieht, was die Menschen in jener Zeit zweifelsohne zutiefst beeindruckt haben muss: die erstaunlichen und detailreichen Illustrationen, die ironischerweise nicht auf dem römisch-christlichen Bildkodex des restlichen Europas fußen, sondern auf dem, was die heidnisch-gälische Kultur dem irischen Christentum vermacht hat - eben das, was Brendan von Aisling lernen konnte.
Gut, die Story ist vielleicht etwas einfältig, aber was das visuelle Design des Filmes anbelangt, gehört das mit zum Schönsten, was die letzten Jahre auf dem Gebiet geleistet wurde, und was eben nur von Hand gezeichnete Filme bieten können. Alles in der Welt von Kells ist keltischen Formen nachempfunden und wirkt wie eine Buchmalerei, durchmischt zwar mit ein bisschen Klimt und ein bisschen Hundertwasser, was aber nicht stört. Schön auch, dass es trotz des christlichen Hintergrunds kein wirklicher Missionierungsfilm ist. Jesus wird nicht einmal erwähnt, und "god" nur, wenn sich's nicht vermeiden lässt. Was im Vordergrund steht, ist die Darstellung von Glaube und Imagination, die die Mönche befähigten, eines der bedeutendsten Kulturzeugnisse des Frühmittelalters zu schaffen, das wirklich wie ein Licht in diesen finsteren Zeiten erschienen sein muss.
Neben Aisling ist zweifelsohne die Katze Pangur Bán die sympathischste Figur im Film. Pangur Bán ist gälisch und bedeutet ungefähr so viel wie "weiße Walkwolle". Der Name hat einen realhistorischen Hintergrund, wie ich entzückt festgestellt habe, und zwar geht er auf ein altirisches Gedicht zurück, das von einem zweifelsohne begabten irischen Wandermönch gedankenlos an den Rand einer Handschrift in Süddeutschland gekritzelt wurde, und in dem er das Jagen seiner weißen Katze Pangur Bán nach Mäusen mit seinem eigenen Streben nach Erkenntnis durch die Buchlektüre vergleicht. Das ganze Gedicht kann man hier nachlesen, der Link zur englischen Übersetzung steht ganz unten. Man muss sich das einmal vorstellen, dass jemand im 9. Jahrhundert nach Christus, einer Zeit, in der nach dem Untergang der Antike das Mittelalter begonnen hat, so richtig finster zu werden, einfach ein auf seine Art so schönes Gedicht aus dem Ärmel schüttelt, ohne Herumgefeile, als bloße Randnotiz und Gedankenspielerei - kein Wunder, dass Irland damals den Ruf hatte, eine Insel zu sein, die nur von Heiligen und Gelehrten bewohnt wurde.


Montag, 14. März 2011

Das bisschen Super-GAU

ch bin gerade ziemlich schockiert darüber, wie hurtig die akute Katastrophensituation in Japan hierzulande für politische Stimmungsmache ausgenutzt wird, sowohl von den Regierungsparteien wie auch der Opposition. Es scheint mir geradezu unanständig, sich hier parteisuhlend selbstgefällig über das Für und Wider von Atomenergie auszulassen, während dort immer noch Menschen leiden und Menschen sterben und die atomare Katastrophe gerade ein Ökosystem, das ein Drittel unserer Planeten umfasst, über wahrscheinlich Jahrtausende hinaus verseuchen wird. Natürlich wird es beizeiten keine hübsche kompakte Wolke über Deutschland geben, weil Radioaktivität noch nicht das Internet für sich entdeckt hat, sondern auf Winde und Strömungen angewiesen ist. Ich frage mich trotzdem nur, wie sich unser Umweltminister bei der idiotischen Aussage, für Deutschland bestünde damit keine Gefahr, noch im Amt halten kann. Schon mal aufgefallen, woher der unglaublich günstige Thun kommt, der Mode-Pangasius, der Alaska-Seelachs? Dass Mangos und Litchies nicht unbedingt in Baden-Württemberg zu Hause sind, und wir einen ziemlich großen Teil unserer Importwaren, von Spielzeug bis hin zu Elektrowaren, aus diesem Raum beziehen? Ich könnte lachen, wenn die Situation nicht so bitterbitterernst wäre. Die nächste haarsträubende Aussage: in Deutschland kann ein solcher GAU nicht passieren, weil es hier keine Erdbeben und Tsunamis gibt. Ja? Dass nicht das Erdbeben oder der Tsunami direkt zur Explosion im Fukushima-Meiler führten (beides haben die Gebäude und Kühltürme nahezu unbeschadet weggesteckt), sondern erst der Stromausfall und der daraus resultierende Zusammenbruch des Kühlsystems, das ist eine Ereigniskette, die den Otto-Normal-Verbraucher-Bild-Zeitungs-Leser hier wahrscheinlich intellektuell überfordert oder von der er nichts zu wissen braucht. Ein Stromausfall, ein Versagen im Kühlsystem, das sind Dinge, die hier auch ohne weiteres passieren können.
So, jetzt habe ich doch noch über Atomenergie in Deutschland zu zetern angefangen. Das muss nicht sein. Nicht jetzt. Es gibt auch positive Nachrichten, von dem 60-Jährigen, der in Begriff war, auf dem Dach seines Hauses auf den Pazifik hinausgetrieben zu werden, gefunden und gerettet werden konnte. Draußen vor meinem Fenster bahnt sich sehr sacht aber bestimmt der Frühling seinen Weg, Finken singen. Gestern habe ich ein Feld voller Schneeglöckchen unter Erlen gesehen. Es sind so wunderschöne Dinge, die die Natur verschwenderisch herschenkt, und für die jetzt keiner einen Sinn hat. Jedes Schneeglöckchen ein gerettetes Leben, wenn das möglich wäre...

Dienstag, 1. März 2011


eute feiert man in Rumänien mit dem 1. März schon mal den Frühlingsanfang. An diesem heute sogar wunderbar sonnigen, wenn auch noch kühlen Tag schenken sich jenseits des Waldes Frauen und Männer ein kleines Martisor (sprich marzischoar), was übersetzt "Märzchen" bedeutet. Noch vor 200 Jahren haben die Frauen ihren Auserwählten am 1. März so ein Märzchen geschenkt, mittlerweile hat sich der Brauch umgekehrt (vielleicht patriarchalische Tendenz, müsste man mal nachforschen). Der Brauch ist uralt, er geht wahrscheinlich auf die dakoromanischen Kulturen zur Zeitenwende zurück, denn die Römer feierten schon am 1. März den Frühlingsanfang, den Beginn des neuen Jahres und gleichzeitig den Beginn der Feldarbeiten. Ein solches Märzchen besteht immer aus einer rot und weiß gekordelten Schnur in Schleifenform, an der manchmal ein kleines Glückbringerchen befestigt ist, dazu überreicht man auch gerne Schneeglöckchen. Die weiße Schnur steht für den Schnee, die rote für die Sonne, manchmal auch für das Blut. In einigen Gegenden, besonders Richtung Bulgarien hin, verschenkt man auch schwarz-weiße Schnüre. Das beschenkte Mädchen trägt die Schnur entweder mit einer Nadel befestigt an der Kleidung oder ums Handgelenk so lange, bis es einen blühenden Baum sieht. Dann darf es das Märzchen abnehmen, in den Baum werfen und sich etwas wünschen. Wenn die Schnur gleich beim ersten Wurf im Geäst hängen bleibt, geht der Wunsch in Erfüllung, fällt sie herunter, ist dies ein schlechtes Zeichen. Mittlerweile schenken auch wieder Frauen ihren Männen ein Martisor, es ist einfach ein Glücksbringer und Festzeichen, mit dem man seine Freude über den nahenden Frühling ausdrückt.
Je nach Region erzählt man sich die unterschiedlichsten Legenden über Entstehung und Bedeutung der März-Schnürchen. Die meisten beinhalten einen Kampf zwischen zwei mythischen Figuren (ein Drache und ein Held, der die gefangene Sonne befreien will, oder eine Winter- und eine Frühlingshexe), bei dem einige Tropfen Blut auf die Erde fallen, den Schnee zum Schmelzen bringen und so den Winter beenden. In Gedenken an dieses Ereignis flochten die Menschen rote und weiße Schnüre zusammen und schenken sie sich seitdem zum Ende des Winters.
Nur weil ich Kulturwissenschaften studiere, darf der Hinweis natürlich nicht fehlen, dass sich hinter diesen Geschichten und der Farbsymbolik vielleicht eine letzte diffuse Erinnerung an recht blutige Opferriten verbirgt, die die Sonne zurückbringen und den Winter beenden sollen. Immer wieder interessant, wie Mythen und scheinbar simple Legenden als kollektive Gedächtnisspeicher fungieren, die sehr weit in die Vergangenheit zurückreichen. In diesem Sinne - für mich ist der 1. März der Beginn eines fröhlich-erwartungsvollen Count-Downs zur Tagundnachtgleiche und damit endlich endlich dem Beginn der guten Zeit. Mit Barfußlaufen in grünem Gras, duftenden Blüten und der Sonne im Gesicht.

Samstag, 12. Februar 2011

Gegen diesen Film ist "Black Swan" ein Amateurvideo für kleine Mädchen. Man sehe und halte den Atem an.


Freitag, 11. Februar 2011

À la recherche du temps perdu…

ine Weile ist es jetzt schon her, dass hier zuletzt geschrieben wurde, diesen Umstand mag man mir verzeihen, ich bin im Prüfungsstress. ;-) Am Montag steht die komparatistische Zwischenprüfung an und wie das immer bei geisteswissenschaftlichen Prüfungen im Allgemeinen und literaturwissenschaftlichen im Besonderen der Fall ist, besteht eher die Gefahr, dass man anstatt zu wenig zu viel weiß, sich in langschweifenden Argumentationsketten verliert und die verrinnende Zeit aus den Augen verliert. Auf dem Plan des ersten Teils stehen die Analyse eines (hoffentlich nicht) unbekannten Gedichts sowie der obligatorische Kanon aus 15 Werke der Weltliteratur, die man im Grundstudium in Eigenregie gelesen und analysiert haben sollte. Was Kafkas Verwandlung auf dieser Liste verloren hat, frage ich mich schon seit Monaten, aber Aufstellungen, die Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen, sind sowieso immer zu hinterfragen. Übrigens sehr aufschlussreich, dass auf der kleinen Literaturliste (es gibt noch eine große fürs Hauptstudium) weder Frauen noch außereuropäische Schriftsteller auftauchen. Soviel zu alten Denkmustern an einer modernen Uni. Neben dem Emo mit der Beamtenseele aus Prag stehen auch Leute wie Marcel Proust auf der Liste, aus dessen Mammutwerk Á la recherche du temps perdu der Romanteil In Swanns Welt anfällt, fernerhin unser vielgeliebter Dante mit seiner Divina Comedia, das ich so gern hab, weil der Mann mit der schrecklich großen Nase so wahnsinnig ehrlich ist und seinen ich-erzählenden Protagonisten beim Anblick der Höllengreuel ständig ohnmächtig in Vergils starke Arme sinken lässt, und noch viele viele andere, sinnigerweise beginnend mit Homers Odyssee und endend bei James Joyce's Ulysses.
Eine ganz andere Suche nach der verlorenen Zeit hat sich bei unserem Häuslebau-Projekt ergeben. Erwähnte ich es, meine Eltern haben ein riesiges Haus aus dem Jahre 1700 gekauft, das leider auch noch immer Dämmfüllungen von 1700, Balken von 1700 und einen Schweinestall im Hof von 1700 hat, ansonsten aber unglaublich schön, lebensvoll und geschichtsträchtig ist. Es ist ein bisschen traurig, weil es die letzten 30 Jahre als Treffpunkt wütender, drogenabhängiger und desorientierter Jugendlicher herhalten musste, aber wir gedenken es mit neuem Leben zu füllen. Die Dinge, die hinter doppelten Mauern, unter abgewetzten Eichendielen und aus Deckenverkleidungen wieder ans Licht kommen, sind nicht immer schön. Eine mumifizierte Katze, die an einem zentralen Punkt unterm Dach in den Boden gemauert war. Wir spekulieren noch, ob es sich um ein sogenanntes Bauopfer handelt, ein eher unsympathischer Zweig voraufklärerischen Brauchtums, haben sie aber in allen Ehren unter einer Eiche nahe des Dorfes begraben, Frieden und eine gute Reise gewünscht und Katzenminze ausgesät. Rechnungen eines Kolonialwarenladens von 1886. Interessante Bierflaschen mit aufwändiger Glasprägung und Kippverschluss und ein Glasfläschlein mit "rother Tinte" (sic!) von 1900. Als Bodenisolierung missbrauchte Polizeiakten von 1931. Ein paar zerfledderte "Die Wehrmacht"-Heftchen von 1939. Modejournale von 1960. Den Brief des Jugendamtes an eine Mutter von 1984, in der ihr mitgeteilt wird, dass ihr Sohn nunmehr in die Obhut von Pflegeeltern kommt. Die obligatorischen Heroin-Bestecke. Das erklärt, warum das Haus eine insgesamt traurige Atmosphäre ausstrahlt und einmal gründlich auf allen Ebenen gereinigt werden muss. Und dann tauchen so kleine Sachen auf wie zum Beispiel dieses wirklich alte alte Kachelbruchstück, das einmal zu einem Ofen gehört hat. Das in einem Pflanzenornament auslaufende Pferdchen oder vielleicht auch Hippocampus ist besonders am Kopf ganz abgetragen, als hätten über die Jahrhunderte hinweg unzählige Finger die Konturen der Stirn bis zu den Nüstern gestreichelt. Vielleicht kleine Kinder, die abends, wenn die Kachelpferde im Schein von Kerzen lebendig zu werden schienen, Geschichten erzählt bekommen haben, oder schmerzlich verliebte Bürgerstöchter, die auf ihren Prinzen auf einem Schimmel warteten. Man könnte ein Museum füllen mit den verlorenen Dingen, die längst zu Staub gewordene Menschen über 300 Jahre lang hier zurückgelassen haben. Natürlich muss jetzt alles von Grund auf renoviert werden, neue Türen gebrochen, Fenster ausgetauscht, Böden gelegt. Aber es ist schön, nicht als irgendwer in in irgendeine Wohnung ziehen zu müssen, sondern sich als jüngstes Glied einer langen Kette von Schicksalen und Menschenleben begreifen zu können, deren Spuren manchmal noch ersichtlich sind. Und eine sehr sinnträchtige Wendung hat das Ganze auch: In dem Jahr, als dieses Haus gebaut wurde, wanderte einer unserer dokumentarisch nachweisbaren Vorfahren vom Rhein-Mosel-Gebiet aus entlang der Donau nach Siebenbürgen aus. Vielleicht ist er hier vorbeigekommen und hat sich beim Anblick der Baustelle gedacht, wie schön es wäre, mit einer Familie ein so großes und stattliches Haus zu bewohnen. Die Vorstellung hat etwas für sich.

Mittwoch, 24. November 2010

Hurra, wir leben noch

ugen aufschlag* *blinzel* *umguck* Mhmmuähhwasistwobinichnochmal? *hingebungsvoll Nase putz* So, jetzt geht's wieder. Seit zwei Wochen bin ich krank, fiese Mittelohrentzündung, ausgehend von einer Mandelentzündung, die sich jetzt, und das ist gottseidank immer das Zeichen einer bakteriellen Verzweiflungstat, in den Bronchien verschanzt hat, wo ich die Infektion mit GeloMyrtol, das ist das Zeug, mit dem man so gut nach Koala duftet, in Schach halte. Also auf dem Weg der Besserung. Ein Glück. Wenn man mal verschnupft ist, einen Tag zu Hause bleibt, ein nettes Buch liest, Tee trinkt und sich entspannt, ist das eine tolle Sache, aber auf dem Höhepunkt dieser Tortur hätte ich alles darum gegeben, in Doppelschichten in die Uni zu gehen und zu arbeiten anstatt so elend wie ein Kadaver auf dem Sofa zu liegen und wirklich nichts tun zu können außer zu dämmern und die Minuten bis zur nächsten Keuchhustenattacke zu zählen. Gestern war ich schon wieder probehalber in der Arbeit, musste aber nach vier Stunden aufgeben und heimgehen. Uni läuft aktuell auch nur auf halber Kraft.
Ich hatte gehofft, den völlig nutzlosen Reizusten schon letzte Woche dämpfen  zu können, nachdem mir der Hausarzt ein Mittelchen namens Capval mitgegeben hat. Der Hauptwirkstoff ist Noscapin, ein Alkaloid aus dem Schlafmohn, im Beipackzettel stand unter Nebenwirkungen irgendetwas von "sehr selten auftretenden Bauchkrämpfen". An dem Tag hab ich noch nebenbei Ibuprofen zur Schmerz- und Fieberlinderung und Entzündungshemmung nehmen müssen, und dass es beim der ersten halbdosierten nachmittäglichen Einnahme zwei Stunden später ganz leichte Magenkrämpfe gab, schob ich das auf das Antibiotikum. Am Abend warf ich mir dann die Standartdosis (zwei Pastillchen) ein und beschloss frohgemut, das Ibuprofen wegzulassen, da ich ja diese Nacht endlich wieder schlafen sollte. Ha, denkste - um Mitternacht fand ich mich im Bad kauernd auf den kalten Fliesen wieder, der Körper zusammengezogen von bestialischen Muskelkrämpfen im Brustbereich, die mich nicht atmen ließen, die Haut kalt, klebrig und schweißbedeckt. Eine halbe Stunde muss ich da gelegen haben ohne mich rühren oder wenigstens rufen zu können, dann hatte ich die Kraft, um mir Buscopan einzuwerfen, woraufhin sich die Spastik nach einer weiteren halben Stunde langsam löste, ich ins Bett wankte und in einen komatösen Schlaf fiel. Am folgenden Morgen habe ich dann in Internet von ziemlich vielen Menschen mit ähnlichen Symptomen nach der Einnahme von Capval gelesen. Kinder bekommen davon offenbar horrorähnliche Halluzinationen. Wie man bei dem Stand der Dinge im Beipackzettel noch von "sehr seltenen Oberbauchkrämpfen" sprechen kann, ist mir ein Rätsel, denn in der Nacht dachte ich allen Ernstes, ich müsse nun sterben. Naja, der Husten war da zumindest weg. *höhö* Jetzt vertraue ich wieder auf die gute alten Dampf-Inhalation, Salbeibonbons und Erkältungssalbe, und hoffe, dass sich das Ganze bald legt. Normalerweise wird in einer Vorlesung ja ständig gehüstelt, aber wenn aus einer Ecke immerzu ein Röcheln wie von einem sterbenden Pferd kommt, ist irgendwann sogar der Dozent genervt.

Montag, 1. November 2010

ittlerweile geht es wieder aufwärts. Wunden verheilen, bei allen Ärgernissen bietet jeder Tag etwas, worüber man sich freuen kann, und die Moira blickt wohlwollend auf einen herab. Bei rechter Überlegung entpuppt sich vieles, was uns Angst macht oder unser Denken verdüstert, als pures Luxusproblem, und ja, es ist wahr, schon ein bisschen Spazieren gehen, Fahrrad fahren und sich den Wind der Welt um die Nase wehen lassen kann schon viel dabei helfen, den Weg nach vorne zu erkennen.
Nachträglich noch Samhain Beannaith euch allen! Ich hatte diese Nacht weder Visionen noch interessante Wahrträume, aber offenbar hat mir das Fest geholfen, wieder ausgeglichener und gelassener zu werden. Jetzt esse ich Walnüsse und trinke grünen Tee. Ansonsten gab es auch bis auf einen rätselhaften Klecks halbverdauten anfermentierten Grases direkt vor meiner Balkontür, vor der heute Nacht der Reisigbesen lehnte, keine besonderen Vorkommnisse. Vielleicht hat da irgendein Dämönchen, das herein wollte, seinem Ärger etwas Luft gemacht...

Sonntag, 24. Oktober 2010

rgendwie geht's mir gerade nicht so dolle...
Das wird jetzt vermutlich eine längere Lamentatio, wer also nicht lesen will, muss nicht und schaut halt nächste Woche wieder rein, aber ich denke, ein Blog sollte nicht nur die schönen, lustigen Dinge im Leben enthalten, und wenn ich darüber schreibe, wird mir vielleicht klarer, was eigentlich los ist - und vielleicht hat der ein oder andere ja den ein oder anderen Rat.
Womit hat alles angefangen? Hm, vielleicht mit der schweren Krankheit meines Großvaters von jenseits des Waldes. Meine Eltern bekommen das nicht so recht mit (müssen sie auch nicht), aber sein Leid ist etwas, das mir näher geht als ich sogar selbst zuvor gedacht hätte. Er hatte ein Gangrän, das ihm jetzt ein Bein gekostet hat, und als hätten meine ständig darum kreisenden Gedanken einen Sympathieschluß oder so ausgelöst, hat sich mein Immunsystem in den Urlaub verabschiedet und ich bekomme überall selber entzündliche Vorgänge an der Haut, vornehmlich sehr schmerzhafte Papeln um den Mund herum (gerade sind es fünf), kleine Follikelentzündungen an den Unterarmen und sage und schreibe drei Nagelbettentzündungen an den Händen. Hinzu kamen die Erkältung letzte Woche und eine allgemeine Fahrigkeit im Denken, die mich planlos von einem Tag zum nächsten hetzten lässt. Ich möchte weinen und weiß nicht warum. Die ursprünglich eingesetzte Zinksalbe hat wegen des enthaltenen Wollwachs' die Entzündungen nur noch größer gemacht, das anschließend verwendete Povidonjod dämmte das zwar wieder ein, war aber so aggressiv, dass sich die oberste Hautschicht abgelöst hat und nässende wunde Stellen entstanden sind, die ewig brauchen, bis sie wieder heilen. Ein aufgesuchter Hautarzt hat mich zwei Minuten angesehen, irgendwas von "Akne" und "selber schuld, wenn Sie daran rumkratzen" gemurmelt und mich mit einem Rezept für irgendein Antibiotikum wieder nach Hause geschickt, von dem ich genau weiß, dass es das Grundproblem nicht beseitigen und nach seinem Absetzen die ganze Sache von vorne anfangen wird. In der Apotheke hatte man keine Lust, mich auf die Frage, ob es eine wundheilende Creme oder Salbe ohne Wollwachsalkohol gäbe, zu beraten. Irgendwie bin ich maßlos enttäuscht und komme mir vor wie eine entstellte Aussätzige. Jetzt behandele ich halt selber zu Hause mit Heilerde und Kamillenblütenaufguss, was schon zumindest körperlich positiv angeschlagen hat. Das Antibiotikum werde ich nicht holen. Was man gegen die innere Rastlosigkeit und allgemein negative Grundstimmung machen soll außer viel spazieren gehen, weiß ich allerdings nicht. Vorgestern war ich mit Arbeitskollegen weg, weil ich dachte, dass mich das vielleicht aufheitert und ablenkt, aber nach zwei Stunden bin ich beinahe aggressiv geworden und wollte nur noch heim in mein kleines Zimmer mit meinen Büchern, der samtigen Stille und den Herbstgestirnen draußen vor dem Fenster. Irgendwie hatte ich auch eine maßlose Angst, mein Großvater könnte in der Zwischenzeit gestorben sein, während ich in irgendeinem Lokal den belanglosen Gesprächen von Leuten gelauscht hätte, die ich bloß zweimal die Woche sehe und kaum kenne. Innenstädte bei Nacht sind sowieso widerwärtig. Jetzt trinke ich grünen Tee mit Lavendel und hoffe, dass sich der ganze Rattenkönig löst und ich wieder mein Gleichgewicht finde. Und mein Opa bald über den Berg ist und gesund wird.

Freitag, 15. Oktober 2010

ff, geschafft. Gestern und heute beide Sprachklausuren geschrieben. Was kam dran? Geeeeenau: in der englischen Klausur Shakespeares dramatisches Werk und in der französischen die klassische französische Tragödie, der Kram, den ich eigentlich die letzten vier Wochen lang hin und her gewendet, analysiert, verglichen und miteinander in jede erdenkliche Beziehung gesetzt habe. Jetzt besteht eher die Gefahr, dass ich zu viel anstatt zu wenig geschrieben habe. Die Übersetzungsteile waren beide machbar. Bei der französischen Übersetzung heute morgen gab's erst einmal Riesenerleichterung, denn Alphonse Daudets "Tartarin de Tarascon", an dem ich mich die letzten Wochen abgegarbeitet habe, war mit seinen ironischen Doppeldeutigkeiten und dem immensen Spezialvokabular eine sehr viel schwerere Übersetzungsarbeit als die heutige Aufgabe. Beim gestrigen englischen Übersetzungsteil hat's mich aber erst einmal gehörig geschaudert, denn der stammte aus Ernest Hemingways Roman "For Whom the Bell tolls" - und das, nachdem ich mich die letzte Woche so euphorisch mit John Donne auseinandergesetzt hatte. Überhaupt gab's gestern noch eine dicke Portion Schicksalsironie: Ich hätte ja eigentlich schon letztes Jahr zur Sprachklausur antreten sollen, fühlte mich aber irgendwie unvorbereitet und schob die klassische studentische 24-Stunden-Influeanza vor. Tja, und wer musste gestern und heute vollgepumpt mit Sinupret und mit Nasenspray, Taschentüchern und Salbeibonbons bewaffnet zur Prüfung antreten? Naaaa?
Ach ja, während ich so grübelnd aus dem Fenster in den Nordhof starrte, der mit großen Ebereschenbäumen bepflanzt ist, kam mir so ein kleines Stoßgebet in den Sinn.

Rowan tree, 
I cry to thee,
lend this to me:
a wisdom's goldberry,
and blessed be,
dear rowan tree.

Tja, kongenial gereimt. :-D Schien aber dennoch wohlwollend aufgenommen worden zu sein, denn ich denke, diese Prüfungen waren ganz erfolgreich. Jetzt freue ich mich auf ein entspanntes, lernfreies Wochenende zum Auskurieren. *hatschi*

Samstag, 9. Oktober 2010

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Ist durch…

…mein stundenlanges begeistertes Rezitieren von Donnes Ausspruch versehentlich ein Zauber losgegangen? Plötzlich redet man in Stuttgart miteinander! Naja, ob's jetzt einen Baustopp gibt oder nicht, darauf können sie sich schon wieder nicht einigen, aber immerhin…
Well, thanks, Master John.
ch habe mich seit kurzem mal wieder eine schrecklich altmodischen Tätigkeit zugewendet, dem Stricken. Beim Zusammensuchen der etwas wetterbeständigeren Herbstaußenhülle (ja, ich bin früh dran *gg*) ist meine alte Lieblingsmütze nämlich buchstäblich zu Staub zerfallen, und weil in den Geschäften zwar billige Mützen en masse rumliegen, diese aber meistens aus so ekligem Acryl-Polymer-Gemisch sind und offenbar keiner mehr auf die Idee kommt, schöne Farben zu verstricken (das Wetter ist eh schon so trübe, da brauche ich wirklich kein Knochenascheschwarz, Nebelgrau und diese Leichenlilatöne), muss ich halt selber ran. Das Garn ist aus 100% europäischer Baumwolle und kommt aus dem Wollkontor Erlangen, einem Online-Shop, den ich hier wärmstens weiterempfehlen will, denn man kriegt dort einen so freundlichen, transparenten und menschlichen Service, dass es einem schier die Sprache verschlägt. Natürlich wird die Mütze grün. ;-) Einen etwas helleren weidenblattartigen Ton habe ich gleich mit gekauft für einen Loopschal. Joah, und zwischen Arbeit und den Lernstunden ist so eine halbe Stunde Stricken mit einer Tasse Tee und einem guten Hörbuch, während draußen der Nebel Perlen in die Spinnennetze zwischen den Balkongittern hängt, wirklich eine entspannende und sogar richtig meditative Tätigkeit.
In einer meiner Literaturgeschichten ist mir mal wieder eines der schönsten Zitate der Menschheitsgeschichte untergekommen, das ich schon ganz vergessen hatte. Es stammt aus der Meditation XVII von John Donne und lautet wie folgt:

"No man is an island entire of itself; every man  is a piece of the continent, a part of the main;  if a clod be washed away by the sea, Europe  is the less, as well as if a promontory were, as  well as any manner of thy friends or of thine  own were; any man's death diminishes me,  because I am involved in mankind.  And therefore never send to know for whom  the bell tolls; it tolls for thee."
Und dann schaut man nach Stuttgart, und man schaut sich in der Politik um, und in der Wirtschaft, und dann fragt man sich, woher ein einzelner Mensch, der eine Pluderhose trug und seit fast 400 Jahren tot ist, bloß so viel Verstand herbekommen hat.